Aus für Kultkneipe in Stuttgart Brauerei Calwer Eck ist abgewickelt

Von Tilman Baur 

Die Stuttgarter Institution hatte zuletzt nur noch durch Hygienemängel auf sich aufmerksam gemacht. Nun sind das Mobiliar und die Einrichtungsgegenstände versteigert worden.

Ein letztes Bier: Marcus Montalbano und Auktionator Andreas von Brühl (rechts) Foto: Lichtgut/Leif Piechowski 6 Bilder
Ein letztes Bier: Marcus Montalbano und Auktionator Andreas von Brühl (rechts) Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - „Vor 30 Jahren war das die absolute In-Kneipe. Am Tresen drängelten sich die Leute. Es war immer voll. Es war eine richtige Kennenlern-Kneipe“, sagt Dunja Kamencic über die Lokalbrauerei und Gaststätte Calwer Eck. In ihrer Stimme schwingt Wehmut mit. Denn die Institution mit Kult-Charakter in der Calwer Straße, die bereits seit 31. Dezember geschlossen hatte, ist seit Mittwoch endgültig Geschichte.

Hochzeiten sind schon längst vorbei

Das Stuttgarter Auktionshaus von Brühl hat einen Abverkauf veranstaltet und das gesamte Inventar feilgeboten: Braukessel, die Zapfanlage, Barhocker, Biergläser, Bierkrüge, Lampen und Kochtöpfe. Unverkäuflich sind nur die Erinnerungen. „An Fasching sind die Leute hier 100 Meter Schlange gestanden, haben bis zu drei Stunden gewartet“, sagt Dunja Kamencic, die selbst mit Haushaltsauflösungen Geld verdient, heute aber aus nostalgischen Gründen gekommen ist. Die Hochzeiten des 1987 gegründeten Calwer-Ecks seien aber längst vorbei, so Kamencic. In jüngster Zeit sei es immer weiter bergab gegangen. Das sagt auch Marcus Montalbano, seit mehr als zehn Jahren Pächter der Gaststätte, der sich nun arbeitslos melden muss.

Zuletzt machte das Calwer Eck Negativschlagzeilen, weil die Lebensmittelüberwachung bei Kontrollen im vergangenen Jahr mehrere Verstöße festgestellt hatte.

Unter anderem wurden demnach Lebensmittel wie Putenbrust, Rindersteak und Weißwürste vorgehalten, die nicht mehr zum Verzehr geeignet waren. Zudem stellte die Behörde „Mängel bei der Betriebshygiene“ fest. „Wir hatten große Probleme, geeignetes Küchenpersonal zu finden. Dann haben wir auch noch den Chefkoch verloren“, erklärt Marcus Montalbano dazu. Mit dem Ende der Gaststätte habe das aber nichts zu tun. Vielmehr habe der neue Hausbesitzer andere Pläne: künftig soll ein veganes Restaurant in den Räumlichkeiten Einzug halten. Auf Anfrage bestätigt das Veterinäramt der Stadt, dass die Schließung nicht in Zusammenhang mit den Verstößen steht. Montalbano und seine Belegschaft hatten gehofft, wenigstens noch einmal Fasching im Calwer Eck feiern zu dürfen. Obwohl der vorherige Besitzer die Pacht bereits seit geraumer Zeit immer nur noch quartalsweise verlängert hatte, sei das Ende im Dezember dann doch überraschend gekommen. „Es gab Mitarbeiter, die seit 30 Jahren hier arbeiten. Da sind Tränen geflossen“, so der Pächter.

Sämtliche Lampen gehen für 1000 Euro weg

Mit dem Abverkauf leistet Andreas von Brühl einen Freundschaftsdienst. Der Inhaber des Auktionshauses von Brühl kennt den Wirt und die Kneipe gut, erst vor Kurzem sei man noch bei einem Bier zusammengesessen. Dabei sei die Entscheidung für den Abverkauf gefallen. „Ich habe dann direkt mein Netzwerk aktiviert. Jetzt hoffen wir, mit dem Inventar etwas Geld zu verdienen“, so von Brühl.

Am Vormittag konnte er bereits sämtliche Lampen für rund 1000 Euro verkaufen. Ein Gastronom zeigte sich außerdem an den Sitzbänken interessiert. „Es kommen sicher einige Schrotthändler, die das Metall wollen“, sagte Dunja Kamencic. Die Deckel der Braukessel beispielsweise seien aus Edelstahl. Damit könne man ein gutes Geschäft machen. Die für das Auktionshaus tätige Kunsthistorikerin Tabea Schulz bedauerte, dass die Inneneinrichtung der verwinkelten Gaststätte mit ihren rustikalen Holzmöbeln bald Geschichte ist. Die dem Jugendstil nachempfundenen holzvertäfelten und verwinkelten Säulengänge mit den charakteristischen Pfeilern und schneckenförmigen Ornamenten seien in Stuttgart einzigartig. „Das findet man in heutigen Kneipen nicht mehr“, so Schulz.

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