Aus für Möbelhaus Habitat in Stuttgart Die Calwer Straße blutet aus

Von Martin Haar 

Händler rund um die Calwer Straße schlagen Alarm. Vier Läden stehen leer, ein weiteres Geschäft und das Möbelhaus Habitat im Firnhaberbau schließen demnächst. Die Passantenfrequenz sinkt immer weiter in den Keller. Der Handelsstandort City sei in Gefahr, meint Modehändler Horst Wanschura.

Von der  Calwer Passage stehen nur noch Reste. Foto: Lichtgut/Leif-H.Piechowski
Von der Calwer Passage stehen nur noch Reste. Foto: Lichtgut/Leif-H.Piechowski

Stuttgart - Für die Händler und Gastronomen im Areal Calwer Straße/Kronprinz­straße ist es der nächste harte Schlag. Nicht ­genug, dass sie mit den Folgen der großen Baustelle Calwer Passage kämpfen, jetzt verliert das Quartier auch einen wichtigen Frequenzbringer. Die Einrichtungskette Habitat schließt alle ihre Läden in Deutschland – und damit auch den Laden im Firnhaberbau. „Eine Fortführung des Geschäfts von Habitat Deutschland ist nicht mehr möglich“, sagte Insolvenzverwalter Nikolaos Antoniadis. Den rund 110 Beschäftigten wird gekündigt. In den kommenden zwei bis drei Monaten soll die vorhandene Ware abverkauft werden, „dann ist Schluss“. Und mit einer kleinen Portion des Bedauerns fügte er hinzu: Der Standort Stuttgart hätte „gerettet werden können“. Eine Weiterführung sei jedoch durch das Vorgehen des französischen Eigentümers verhindert worden, der die Warenbelieferung eingestellt habe.

Immer weniger Kunden

„Es ist schrecklich“, beschreibt Andreas Berger, dessen gleichnamiger Laden in der Calwer Straße 37 seit 1919 „alles zum Nähen und Schneidern verkauft“, die Lage rund um seine Straße. Es ist kein Jammern auf hohem Niveau. Ein kurzer Spaziergang über die Calwer Straße bestätigt seine Einschätzung: Vier Läden stehen leer. Ein weiterer und eben Habitat geben demnächst auf. Und diejenigen, die übrig geblieben sind, kämpfen und klagen. Der eine laut, der andere leise. Aber es gibt auch Händler, die resigniert haben. „Wenn ich mich irgendwo anstellen ließe, hätte ich mehr Geld und mehr Freizeit. Aber ich will halt mein Ding machen, also kämpfe ich weiter“, sagt eine Händlerin, die nicht namentlich genannt werden will. Die Klagen richten sich auch gegen die Stadt. Alle sind sich einig: Die Rahmenbedingungen für den Einzelhändler werden immer schlechter. Berger gibt ein Beispiel: „Wer aus Aalen mit dem Auto aus Richtung Bahnhof über die Theo kommt, erfährt nicht, wie er ins Kronprinzparkhaus kommt.“ Und selbst diejenigen, die sich ein wenig auskennen, scheuen nun die Anfahrt. Denn wer früher am Rotebühlplatz gewendet hat, um über die Lange Straße zum Parkhaus zu gelangen, dreht ab. Denn aufgrund der Baustelle an der Calwer Passage ist die Lange Straße gesperrt. „Und am Rotebühlplatz links abbiegen, wagt fast keiner“, sagt Berger, „man denkt ja, hier beginnt die autofreie Zone.“ Die Folge sei deutlich: Die Leute bleiben weg. Die Stadt verödet langsam, aber sicher. „Selbst die 1-a-Lagen sind inzwischen heruntergewirtschaftet.“ Natürlich sei auch der wachsende Online-Handel schuld. Berger gibt ein Beispiel, welches das Ausmaß zeigen soll: „Unser Postbote in der Calwer Straße liefert zu 90 Prozent Päckchen an ­private Haushalte.“

Baustelle ist „Frequenz-Fresser“

Horst Wanschura, der mit seinem exklusiven Modeladen Nachbar von Habitat im Firnhaberbau ist, bekräftigt Bergers Worte. „Die Frequenz ist schon lange zurückgegangen. Und sie wird nun noch weiter zurückgehen.“ Die Gründe seien auch das baldige Fehlen von Habitat und die benachbarte Baustelle, die selbst Interims-City-Manager Horst Siegle als „Frequenzfresser“ bezeichnet. Wanschura schätzt zudem, dass noch weitere Leerstände in der Calwer Straße hinzukommen werden. „Die Lage ist dramatisch“, sagt er, „Kunden aus dem Bodenseeraum oder dem Schwarzwald sagen, sie kommen nicht mehr, weil Stuttgart unattraktiv geworden sei.“ Stattdessen führe seine Klientel nach München, Ludwigsburg oder Tübingen. „Auch mit der Begründung, dass das Parken in Stuttgart so teuer geworden ist. Alles, was toll in dieser Stadt war, ist weg.“

Wanschura, der sich zusammen mit Winni Klenk (Abseits) und Uwe Maier (Bungalow) als einen „der drei letzten Mohikaner“ im exklusiven Textilhandel bezeichnet, sieht für die Stadt schwarz, sollte sich nichts ­ändern. „Dann ist diese Einkaufsstadt ­wirklich bald am Ende.“ Er, Berger und viele Einzelhändler monieren alle die gleichen Punkte. Sie lauten Autofeindlichkeit, teures Parken, Fahrverbote, Feinstaubalarm, fehlendes Baustellenmanagement, Staus durch S 21 und ein schlechtes oder gar kein Leitsystem. Wanschura: „Dadurch haben wir es alle echt schwer.“

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