Selbst der Experte kommt da schon mal ins Zweifeln: „Schwer vorstellbar, dass der Deckel hier hinpasst“, sagt Johannes Kuhn. „Aber“, ist er überzeugt, „er tut’s.“ Der verantwortliche Projektleiter für den Ausbau der A 81 steht wie schon so oft auf der S-Bahnbrücke zwischen Böblingen und Sindelfingen und zeigt zu der Böschung am Sindelfinger Wohngebiet Goldberg hinüber. Dort soll sich das 850 Meter lange Tunnel-Bauwerk anschmiegen, das einmal den Verkehrslärm von den Menschen fernhalten wird, die diesseits und jenseits der Autobahn wohnen.
Es ist eng, aber Platz genug
Und in der Tat: Der Platz, der zwischen Böschung und den Fahrbahnen übrig bleibt, auf denen täglich über 100 000 Autos brausen, sieht nicht so aus, als ob er einmal sechs Fahrspuren plus zwei nutzbare Seitenstreifen samt Tunnelbauwerk beheimaten könnte. Dies wird sich in den kommenden Wochen ändern. Dann rückt nämlich schweres Gerät an, das der Böschung an den Kragen geht. „Zunächst müssen wir jedoch Bohrpfähle in die Erde rammen“, erzählt Johannes Kuhn. Erst wenn der Hang auf diese Weise gesichert ist, kann die Erde nach und nach abgetragen werden. Dann ist Platz für Fahrbahn und Deckel.
Johannes Kuhn erwartet den Baustart für das Herzstück der 7,2 Kilometer langen Verbreiterungsstrecke zwischen den Abschnitten Böblingen-Hulb und Sindelfingen-Ost in den nächsten Wochen. Erste Vorboten sind bereits sichtbar. Einige Meter tiefer hat ein Bagger Erdhäufchen gebaut: Mutterboden, der abgetragen worden ist. Denn verkommen lassen möchten die Autobahnbauer nichts. Die Erde wird später wieder aufgebracht – als Humusschicht über dem Tunneldeckel.
Leicht hinter dem Zeitplan
Dort wird, so wie es aussieht, das erste Auto später als geplant durchrollen. „Wir sind derzeit leicht hinter dem Zeitplan“, erläutert Johannes Kuhn. Aufzuholen sei diese Verzögerung wahrscheinlich nicht mehr. „Anfang 2027 haben wir den Verkehr im Tunnel“, versichert Kuhn jedoch. Geplant war, die Autos bereits ab Ende 2026 durch das Tunnel-Bauwerk zu lotsen.
Einer, der das Verkehrsgetöse unterhalb der S-Bahnbrücke mit Interesse betrachtet, ist Matthias Miller. Der Landtagsabgeordnete aus Böblingen hat sich an diesem Tag mit Johannes Kuhn anlässlich seiner Sommertour durch den Landkreis am Rande der Autobahnbaustelle verabredet und sorgt sich um den Ernstfall. „Was passiert, wenn im Tunnel ein Unfall passiert?“, möchte der CDU-Politiker wissen. Falls nur eine Fahrtrichtung betroffen ist, kann der Tunnel seine Flexibilität unter Beweis stellen. „Das Bauwerk wird für Gegenverkehr ausgestattet“, erläutert Johannes Kuhn. Heißt: Wenn es auf einer Seite der Röhre kracht, werden, die Leitplanken vor den Eingängen beiseite geschoben, damit dem Verkehr im Tunnel eine Fahrbahnhälfte erhalten bleibt. Bei einem größeren Unfall ist der Verkehrs-GAU jedoch nicht zu vermeiden. Dann, erzählt Johannes Kuhn, gehen die Schranken an den benachbarten Autobahnanschlüssen herunter und die Fahrzeuge werden durch Böblingen und Sindelfingen umgeleitet.
Zwölf Brücken und Unterführungen werden neu gebaut
Wissen möchte Matthias Miller auch, welche Einschränkungen auf die Autobahnnutzer noch bis zur Fertigstellung warten. Johannes Kuhn verweist auf das komplexe Unternehmen dieser 360 Millionen Euro teuren Autobahnverbreiterung: Zwölf Brücken und Unterführungen müssen abgerissen und neu gebaut werden – allesamt, während der Verkehr weiterhin auf vier Spuren fließt.
Dass das eine Riesenaufgabe für alle Beteiligten ist, wird schon alleine an den vielen Brückenvarianten deutlich. Vier verschiedene Herangehensweisen beim Bau der Übergänge gibt es auf dem gesamten Bauabschnitt, erläutert Johannes Kuhn – der Neubau neben dem alten Übergang steht ebenso auf dem Programm der Ingenieure wie die Errichtung einer vorübergehend benutzten Behelfsbrücke, die dann wieder abgebaut wird, bis zur Halb-Halb-Variante, bei der zunächst nur die eine Hälfte der Brücke gebaut wird, auf der der Verkehr dann vorübergehend zweispurig fließen kann.
Und dann gibt es noch den Sonderfall – dort, wo Johannes Kuhn und Matthias Miller gerade stehen: Aus der Brücke über die S-Bahn, die jetzt nur von den Bussen, Radlern und Fußgängern genutzt werden darf, wird nach dem Abriss eine ganz normale Straße, die zwischen den Städten einmal mitten über den Deckel führt.
Am ersten Septemberwochenende gibt es nicht die letzte Vollsperrung
Die Botschaft von Johannes Kuhn war deutlich: Ohne weitere Vollsperrungen in den kommenden drei Jahren wird das Mammutprojekt nicht über die Bühne gehen. Ein halbes dutzend Mal war die Autobahn an den Wochenenden bereits dicht, die nächste Vollsperrung folgt am ersten Septemberwochenende und wird noch lange nicht die letzte sein. „Der Ausbau einer vierstreifigen Autobahn, ohne dass man davon etwas bemerkt, funktioniert nicht“, sagt Johannes Kuhn.
Nach zwei Jahren Bauzeit: So ist der Stand beim Ausbau der A 81
Fertiggestellt
ist die vorübergehende vierspurige Umfahrung der künftigen Tunnelbaustelle, die Bahnbrücke zwischen Böblingen und Sindelfingen sowie der südliche Brückenteil der Calwer Straße in Richtung Dagersheim.
Demnächst fertig
Ende 2023 soll auch der nördliche Teil der Brücke an der Calwer Straße fertig sein. Anfang 2024 wird die neue Brücke an der Sindelfinger/Böblinger Straße zwischen den beiden Städten vollendet. Umgesetzt wird derzeit auch die Autobahnunterführung Leibnizstraße, die den Böblinger Osten mit der Sindelfinger Viehweide verbindet.
Kurz vor dem Start
befindet sich der Bau des Lärmschutzdeckels zwischen Böblingen und Sindelfingen.
Sperrungen
Die nächste Sperrung findet an diesem Wochenende statt: Die Sindelfinger/Böblinger Straße zwischen den beiden Städten ist noch bis Montagmorgen voll gesperrt. Die Leibnizstraße wird anschließend zwischen Smart und dem Dream-Bowl-Center bis Ende des Jahres gesperrt. Die nächste Vollsperrung der Autobahn ist vom 1. bis 4. September. Dann wird der zweite Brückenteil Calwer Straße eingehoben.