Ausbau Digitalisierung Digitalisierung auf dem Land als Chance

Von Gerhard Bläske 

Günstige Lebenshaltung und hohe Lebensqualität werde viele dazu bewegen, wieder aufs Land zu ziehen, sagt der Technologiebeauftragte Baden-Württembergs. Die Digitalisierung auf dem Land werde dort für eine Renaissance sorgen.

Wo geht’s hier zur Digitalisierung? Foto: Pixabay/Free-Photos/CC0
Wo geht’s hier zur Digitalisierung? Foto: Pixabay/Free-Photos/CC0

Stuttgart - Die Digitalisierung bietet nach Ansicht von Wilhelm Bauer, Leiter des Stuttgarter Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO), gerade für den ländlichen Raum enorme Chancen. „Meine Vision ist, dass im ländlichen Raum wieder ganz neue Keimzellen der Innovation entstehen, vielleicht 30 bis 50 Kilometer außerhalb der heutigen Hot Spots, wo sich die nächste Generation aufgrund günstiger Lebenshaltung und hoher Lebensqualität zusammenfindet und Unternehmen von morgen gründet.“

Bauer spricht von einer „Trendwende, einer möglichen Renaissance des flachen Landes“, die mittel- bis langfristig zu einer Alternative werde zu den mit gewaltigen Verkehrs-, Umwelt- und Wohnproblemen belasteten Ballungsräumen. Dank der Digitalisierung auf dem Land könnten Menschen außerhalb der Ballungsräume, so seine Überzeugung, „verstärkt regional konsumieren, sich sozial engagieren und trotzdem durch neue Infrastrukturen und Plattformen eine digitale Wertschöpfung aufbauen. Die Verbindung in die Stadt funktioniert problemlos über On-Demand-Shuttles oder gut getaktete Schienenverkehre.“

Digitalisierung auf dem Land braucht mehr Breitband

Damit diese Vision Wirklichkeit werden kann, müssen jedoch gewisse Voraussetzungen geschaffen werden. Laut einer von der Landesregierung herausgegebenen Studie gibt es in Baden-Württemberg viele „weiße Flecken“. 2,3 Millionen Anschlüsse seien so langsam, dass selbst eine Mail oft kaum durchgeht. In einer Innovationsoffensive will Stuttgart in dieser Legislaturperiode 500 Millionen Euro in den Ausbau der Infrastrukturinvestieren. Weitere Mittel sollen vom Bund kommen.

Bauer, der auch Technologiebeauftragter der Landesregierung ist, gesteht insbesondere bei der Digitalisierung auf dem Land Probleme ein: „Wir haben tatsächlich die Herausforderung, dass beim Breitbandausbau öffentliche Regulierung und Privatwirtschaft aufeinandertreffen, was der Geschwindigkeit im Ausbau nicht nur förderlich ist.“ Es gebe aber auch beispielhafte Modelle von Genossenschaften, die dies selbst in die Hand nehmen. „Es geht also auch anders“, meint er. Er gibt sich zuversichtlich, dass sich die Situation rasch ändert: „Einige große Landkreise und Regionen in Baden-Württemberg haben hier in 2018 große Umsetzungsmaßnahmen am Start. Da kann es dann recht schnell gehen.“ Das sei auch notwendig. Denn ohne entsprechende Infrastrukturen, könne alles verspielt werden.

Grundsätzlich sei die Situation im Land günstig, weil viele Weltmarktführer im Südwesten in der Provinz beheimatet seien und es dort, anders als in vielen anderen Ländern, genug Arbeitsplätze gebe. Es gehe darum, „interessante Investmentoptionen aufzubauen, zum Beispiel über IT-basierte Applikationen für den neuen 5G-Standard“, aber auch um Mut und Risikobereitschaft, meint Bauer. Wenn ein Land wie Estland mit seinen begrenzten Mitteln in der Digitalisierung so weit sei, dann könne Deutschland das auch. Er sieht es auch nicht als gottgegeben an, dass in den USA so viel mehr Risikokapital für Startups zur Verfügung stehe wie in Europa. Europa sei schließlich eher reicher.

Orte der Begegnungen schaffen

So wichtig und alternativlos die Digitalisierung auch sei, so sieht Bauer es als zentral an, auch Orte für Begegnungen zu schaffen. „Dank einer Förderung durch das Innenministerium Baden-Württemberg bauen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter meines Instituts gerade das Kommunale InnovationsCenter – kurz KIC – als Teil des größeren Verbundprojekts Digitalakademie@bw auf, in dem wir mit den kommunalen Spitzenverbänden und Fachexperten im Land genau dafür neue Antworten finden“, berichtet Bauer. Es gehe darum, bis 2020 neue Konzepte für die Daseinsvorsorge zu entwickeln „und möglichst auch in die Umsetzung“ zu bringen.

„Aus meiner Sicht werden wir auch in Zukunft die Orte für das physische Zusammentreffen brauchen. Ich sehe sogar eine baldige Renaissance für die echten Treffpunkte, für Kneipen, für Jugend- und Altentreffs“, sagt Bauer, der selbst vom Land stammt und heute im Stuttgarter Stadtteil Botnang lebt. „Das Wichtigste ist dabei das richtige Zusammenspiel zwischen analog und digital, und kein entweder oder.“