Ein perfekt ausgebauter Van, durch das Fenster sieht man eine wunderschöne Landschaft. Die Sozialen Medien sind voll von romantischen #Vanlife-Bildern. Warum der Weg dorthin meist alles andere als romantisch ist. Ein Erfahrungsbericht.
Eine Acai-Bowl zum Frühstück, ein Mittagsschläfchen in der Hängematte und abends ein kühles Bier mit Blick auf das Meer. So stellt man sich, wahrscheinlich dank Instagram und Co., einen Vanlife-Tag vor. Mit diesem Ziel vor Augen habe auch ich mein Projekt „Ich baue mir ein rollendes Zuhause“ angefangen. Ganz nach dem Motto: Wenn das so viele andere können, kann ich das auch locker. Es hat geklappt. Das mit dem „locker“ war aber so eine Sache.
Aber von Anfang an. Statt sich mit schönen Stoffen und der perfekten Farbauswahl für das neue Zuhause zu beschäftigen, sind erst mal YouTube-Tutorials von (Hobby-)Handwerkern die neue Freizeitbeschäftigung. „So baust du ein Fenster in dein Auto“ oder „Der richtige Umgang mit der Blindnietenzange“ lauten dann zum Beispiel die Titel. Und ab da wird man auch zum Dauergast im Baumarkt. Aber auch die Caravan-Messe CMT in Stuttgart kann ein guter Anlaufpunkt für Tipps, Tricks und Ideen sein.
Vom Sägen, Hämmern und Fluchen
Zu Beginn war das Auto noch eine leere Blechbüchse. Foto: Hanna Helder
Schnell holt einen also die Realität ein. Und die sieht so aus, dass man mit einer Stichsäge ein Loch in sein Auto schneiden soll. Kein schönes Gefühl, aber immerhin etwas gelernt. Und das Lernen zieht sich weiter, Woche für Woche, Monat für Monat. Nach den Fenstern geht es mit der Isolierung weiter, mit der der komplette Innenraum des Autos verkleidet wird. Danach kommen die Bodenplatte und die Seitenwände, womit das Ganze langsam Gestalt annimmt.
Einen Van auszubauen bedeutet auch, immer wieder Entscheidungen treffen zu müssen. Welches Leichtholz ist am besten? Ölen oder lackieren? Wie viel Stauraum will ich haben? Und vor allem, was liegt überhaupt in meinem Budget? Denn egal ob Holz, Werkzeug oder Camping-Zubehör, die Preise kennen hier keine Grenzen nach oben. Das war wohl ein weiterer Grund, warum sich das Projekt in meinem Fall über knapp drei Jahre hinzog.
Es werde Licht
Aber auch das lehrt so ein Projekt erbarmungslos: Ohne Entscheidungen und ohne Hilfe von außen geht es nicht voran. So entschied ich mich zum Beispiel dafür, für die Elektrik ein kleines Unternehmen, das sich auf Elektrik im Van spezialisiert hat, zu kontaktieren. Zusammen ging es an die Planung. Welche Verbraucher kommen in den Van? 230 Volt oder reichen 12 Volt? Solarmodul oder nicht? Wieder mal Entscheidungen über Entscheidungen. Am Ende wurden es bei mir ein 12 Volt Stromkreis und ein Solarmodul auf dem Dach, das wiederum an eine Zweitbatterie angeschlossen ist und dafür sorgt, dass ich Licht, einen kalten Kühlschrank und fließend Wasser habe. Heute liegen alle Kabel schön versteckt hinter der Holzverkleidung und nichts deutet mehr auf den Kampf mit dem Kabelsalat hin.
So gut auch jeder Schritt geplant sein mag, meistens steht einem ein Rückschlag bevor. Manchmal sind es nur kleine, weil eine Schraube nicht will, manchmal aber auch welche, die die Arbeit um Monate zurückwerfen können. Scharniere für Oberschränke und ich werden jedenfalls keine Freunde mehr in diesem Leben, so viel sei gesagt.
Würdest du es wieder so machen? Diese Frage bekomme ich oft von Leuten gestellt, die das Ergebnis sehen. Eine gute Frage, wenn man die fast täglichen Wutausbrüche, blaue Flecken und eingerissenen Fingernägel bedenkt. Es gibt Tage, da verflucht man alles. Aber an Aufhören ist nicht zu denken. Zum einen wegen des Stolzes, zum anderen, weil das Auto halb ausgebaut zu nichts mehr zu gebrauchen ist.
Endlich geht´s ans Dekorieren
Der letzte Part beim Ausbau macht einiges wieder gut. Denn da geht es tatsächlich um die Wahl von Farben und Stoffen. Ein Spiegel hier, ein Kleiderhaken dort. Meine Highlights im Van: eine marokkanische Spüle und die in die Seitenwand integrierten Regale. Während die Deckenleisten aus Holz nur eingeölt sind, bekamen die Seitenwände einen weißen Anstrich. Die Fronten der Oberschränke und der Küche sind dagegen in Salbeigrün, was sich auch in so mancher Deko wiederfindet.
So kitschig es auch klingen mag, mit einem Van baut man nicht nur ein Zuhause, sondern auch ein Stück Freiheit. Und nebenbei eignet man sich auch noch unfassbar viel Wissen an. Hinter den #Vanlife-Bilder steckt also tatsächlich oft mehr Arbeit, als man meint.
Natürlich gibt es auch Schattenseiten des Vanlebens. Sei es die Umweltbelastung, der Zeitaufwand oder das viele Geld. Aber wenn man die Schiebetür aufmacht und auf das Meer oder die Berge blicken kann, beantwortet sich die Frage, ob man es wieder machen würde, meist von ganz allein.
Dieser Text erschien zum ersten Mal am 22. Mai 2023.