Ausbeutung von Pflegekräften Billigkonkurrenz verdrängt den legalen Vermittlungsmarkt

Ludwigsburg: Markus Klohr (mk)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Am Anfang habe sie gedacht, ihr Job sei legal, sagt Alicja Dawid. Erst nach und nach sei ihr aufgefallen, dass etwas nicht stimme: „Ich habe bemerkt, dass ich eine Betrügerin geworden bin.“ In ihren Arbeitsverträgen wurde die Arbeitszeit mit 40 Stunden pro Woche angegeben. Faktisch habe sie in ständiger Rufbereitschaft gelebt. „Ich dachte, das ist normal, das ist meine Verantwortung“, sagt die polnische Betreuerin. Nur wenige Frauen haben den Mut wie sie, über ihre Arbeit als Betreuerin auf dem grauen Pflegemarkt zu berichten. Familien halten lieber still, als die Finanzkontrolle im Haus zu haben. Zudem stellen einige Agenturen die beschäftigten Frauen und die Familien mit einer Schweigeklausel ruhig. Wer Vertragsdetails ausplaudert oder aus dem Vermittlungsmodell aussteigen will – etwa, indem er selbstständig als Betreuer arbeiten will –, dem droht eine Vertragsstrafe von bis zu 20 000 Euro. Als Abschreckung wird der Gerichtsstand mit Warschau angegeben – ein juristisch zumindest fragwürdiges Vorgehen.

Selbst die polnische Arbeitgeberkammer hat inzwischen offiziell festgestellt, dass mit dem Zauberwort „Entsendung“ noch nicht alle rechtlichen Hürden überwunden sind. Laut einer Studie des Instituts für grenzüberschreitende Beschäftigung in Warschau umgeht ein Großteil der polnischen Unternehmen, die Mitarbeiter ins Ausland entsenden, bewusst oder unbewusst die Regeln der EU. Nur bei rund 150 der 1800 Betriebe laufe alles rechtlich einwandfrei, heißt es in der Studie.

Dennoch hat die Billigkonkurrenz den legalen Vermittlungsmarkt fast verdrängt. Die Diakonie in Stuttgart etwa stellt die Vermittlung von Hilfskräften im Projekt Fair-Care ein. „Wir wollten zeigen, dass es auch legale Wege gibt“, sagt Maria Simo von der Diakonie. Aber die Nachfrage sei inzwischen gleich null.

„Die Konkurrenz arbeitet illegal, aber niemand will es wissen“, sagt Werner Huptas. Sein Kernproblem: er vermittelte nach einem legalen Modell, das mit den Dumpingpreisen der Konkurrenz nicht mithalten kann. Rund 2200 Euro muss den Familien ihre Pflegekraft schon wert sein. Dafür werden die Frauen dann direkt bei den Familien angestellt, Sozialbeiträge und Lohnsteuer werden regulär abgeführt – und: die Frauen sind bei schweren Unfällen oder Krankheiten regulär versichert.

Für die Frauen selbst bleiben unterm Strich 1000 bis 1200 Euro – plus Kindergeld aus der deutschen Staatskasse, wie Huptas betont. Zudem ist eine Arbeitszeit von 38,5 Stunden pro Woche vereinbart. Auch Bereitschaftszeit gilt als Arbeitszeit. Wer mehr Betreuung brauche oder womöglich medizinische Versorgung wie Spritzen oder Kathederwechseln verlange, könne sich diese von Sozialstationen dazukaufen. „Andernfalls muss man eben über ein Pflegeheim nachdenken“, sagt Werner Huptas.




Unsere Empfehlung für Sie