Ausbildung Betriebe im Kreis Esslingen werben um Jugendliche

Hotelchefin Heike Kauderer (rechts) wirbt wie viele andere Unternehmer um Auszubildende. Zu sehen ist sie mit dem stellvertretenden Küchenchef ihres Hotels Hirsch in Ostfildern, Christian Reatea (links), und den Azubis Annika Rieser und Hussam Kajkati. Foto: Horst Rudel

Auch kurz vor Beginn des neuen Lehrjahres sind noch viele Stellen offen. Betriebe im Kreis Esslingen wollen Jugendliche motivieren, der Ausbildung doch noch eine Chance zu geben.

Reporterin: Greta Gramberg (gg)

Kreis Esslingen - Es ist noch nicht zu spät: Wer sich für eine Ausbildung interessiert, hat in vielen Berufen noch immer gute Chancen auf eine Stelle noch in diesem Jahr. Beispielsweise im Gastgewerbe. „Wir sind eine Branche, die hochflexibel ist“, sagt Heike Kauderer. Die Präsidentin der Industrie- und Handelskammer (IHK) im Bezirk Esslingen-Nürtingen führt zwei Hotels in Ostfildern. Und obwohl der offizielle Beginn des Ausbildungsjahres bereits im September ist, sei es auch danach noch möglich, sich bei einem kurzen Praktikum kennenzulernen und dann einen Ausbildungsvertrag für das laufende Jahr abzuschließen. Das gilt auch für andere Berufe – teilweise bis Ende des Jahres ist noch ein Einstieg möglich. Jugendliche können sich auch in den Sommerferien bei den Berufsberatern der Agentur für Arbeit und der Kammern melden oder direkt bei Unternehmen anfragen.

 

Knapp 1000 offene Ausbildungsstellen

Viele Betriebe suchen noch immer händeringend nach Auszubildenden, Ende Juli waren noch mehr als 1000 bei der Agentur für Arbeit im Kreis Esslingen gemeldete Stellen nicht besetzt. Bereits im vergangenen Jahr war die Zahl der Ausbildungsverträge stark zurückgegangen, die IHK hatte für dieses Jahr einen Rückgang um ein Drittel im Vergleich zum Vor-Corona-Niveau befürchtet. In den vergangenen Monaten hellte sich die Stimmung nach Eindruck von Britta Schnabel, bei der IHK für den Bereich Übergang Schule-Beruf zuständig, aber auf. Dennoch gebe es nach wie vor zu wenige Interessentinnen und Interessenten. Ähnlich äußert sich Bernd Stockburger, Geschäftsführer des Bereichs berufliche Bildung bei der Handwerkskammer Region Stuttgart – wenn auch die Zahl der Ausbildungsverträge im Handwerk im vergangenen Jahr nicht gesunken war und nach Einschätzung Stockburgers 2021 sogar ein Plus zu erwarten ist. „Die Jugendlichen sind in einer relativ komfortablen Situation“, sagt Stockburger. Rein rechnerisch kamen Ende Juli auf einen unversorgten Bewerber im Kreis Esslingen 1,48 unbesetzte Stellen.

Doch bislang nutzen zu wenige Jugendliche diese Chancen. „Es fehlen die Praktika und praktische Erfahrungen“, sagt Britta Schnabel. Zwar hätten Schulen, Agentur, Kammern und Unternehmen versucht, digitalen Ersatz zu schaffen. Aber leider habe das nicht die Massen an Jugendlichen erreicht, die durch die Berufsorientierung in normalen Jahren erreicht würden. Zudem seien viele Schüler in der Nutzung digitaler Angebote nicht geübt – auch wenn sie in ihrer Freizeit viel soziale Medien nutzten. „Die Jugendlichen trennen: Das eine ist Freizeit, das andere Schule und Berufsorientierung.“ Aus Unsicherheit entschieden sich viele Jugendliche, länger in der Schule zu bleiben, sagt IHK-Geschäftsführer Christoph Nold. Er gibt aber zu bedenken, dass das Ausbildungsangebot im kommenden Jahr nicht größer wird– sondern umkämpfter, sollten aktuelle Schulabgänger mit Angehörigen früherer Jahrgänge in Konkurrenz treten.

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Vorteile der Liebe auf den zweiten Blick

Nold wirbt für eine höhere Wertschätzung der Ausbildung. Besonders in Kombination mit Qualifizierungen stünde sie einem Studium bezüglich der Karrierechancen in nichts nach. Zudem sei das Lebenseinkommen im Durchschnitt viele Jahre höher als das von Akademikern. Und selbst, wenn sich die gewählte Ausbildung nicht als das richtige herausstellen sollte, gebe es besonders in der Probezeit noch die Möglichkeit, abzubrechen und sich etwas Neues zu suchen, betont Heike Kauderer. Sie rät Jugendlichen, sich nicht auf einen Wunschberuf zu versteifen, sondern auch nach rechts und links zu blicken: „Wir machen oft die Erfahrung, dass wir nicht der Wunschberuf Nummer eins sind, sondern die Liebe auf den zweiten Blick. Die ist allerdings umso nachhaltiger.“

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