Ausbildung im Kreis Böblingen Verträge enden oft in der Probezeit
Nachfrage nach Ausbildungsplätzen besteht im Kreis Böblingen. Dennoch kommen dieses Jahr wieder weniger Verträge zustande als erwartet. Was ist da los?
Nachfrage nach Ausbildungsplätzen besteht im Kreis Böblingen. Dennoch kommen dieses Jahr wieder weniger Verträge zustande als erwartet. Was ist da los?
Der diesjährige Ausbildungsstart hat in den meisten Branchen Lücken offenbart. Das zweite Jahr in Folge haben weniger Azubis in den Betrieben im Kreis Böblingen ihre Lehre begonnen. Das geht aus den Berichten der IHK-Bezirkskammer und der Handwerkskammer Region Stuttgart hervor. Demnach verzeichnet die örtliche IHK ein Minus von 5,3 Prozent bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen. Insgesamt beginnen in den kaufmännischen als auch den gewerblich-technischen Berufen 1021 junge Menschen ihre Ausbildung – 551 als Kaufleute unterschiedlicher Art und 470 im technischen Bereich. 3446 junge Menschen haben eine Lehre in einem Handwerksbetrieb der Region Stuttgart begonnen – 4,1 Prozent weniger als im Vorjahr. Sowohl IHK als auch Handwerkskammer wollen die Schuld an dem besorgniserregenden Abwärtstrend aber nicht nur der jungen Generation geben. Vielmehr müssten alle Beteiligten in die Pflicht genommen werden. Den Fachkräftemangel zu bekämpfen, sei eine gemeinsame Herausforderung.
„Dass sich der negative Trend vom Jahresbeginn auch im nun startenden Ausbildungsjahr fortsetzt, ist sehr bedauerlich“, sagt Marion Oker, Leitende Geschäftsführerin der IHK-Bezirkskammer Böblingen. „Dennoch spielen hier viele Faktoren eine Rolle. Neben der demografischen Entwicklung und einem immer größeren Angebot an Bildungswegen haben viele Betriebe bedingt durch die schwache Konjunktur weniger Ausbildungsstellen angeboten. Insgesamt ist die Lücke zwischen den leicht gestiegenen Bewerberzahlen und der sinkenden Zahl der Ausbildungsplätze kleiner geworden.“
Das ist auch aus aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zu lesen: mit 2226 Bewerberinnen und Bewerbern wollten 4,1 Prozent mehr junge Menschen eine Ausbildung beginnen als im Vorjahr. Doch warum kommen Betriebe und Bewerber nicht zusammen? Oker sieht zwischen den Auszubildenden und ihren Arbeitgebern große Unterschiede, was die Erwartungen an eine Ausbildung angeht. Und daran, was ein Auszubildender oder eine Auszubildende mitbringen sollte. Viele Ausbildungsverträge würden daher schon in der Probezeit wieder aufgelöst.
Ausbildungsreife ist ein Stichwort, das sowohl die IHK-Bezirkskammer Böblingen als auch die Handwerkskammer Region Stuttgart verwenden. Der Übergang von der Schulbank in die Berufswelt falle den jungen Männern und Frauen zunehmend schwer. Hohe Fehlzeiten und mangelnde Leistungsbereitschaft beklagten viele Betriebe bei ihren Azubis, heißt es von der IHK-Bezirkskammer Böblingen. Das Problem kennt auch Handwerkskammer-Hauptgeschäftsführer Peter Friedrich. Er mahnt: „Oft fehlt die Ausbildungsreife, und damit geht wertvolles Nachwuchspotenzial verloren.“ Letztendlich stünden aber beide Seiten in der Pflicht. „Betriebe müssen sich den Bedürfnissen der kommenden Generation an Azubis anpassen, um diese wieder besser erreichen zu können“, sagt Marion Oker.
Erfreulich sei unterdessen der Trend, dass immer mehr Auszubildende einen höheren Schulabschluss hätten. Die Zahl der Azubis mit Abitur oder Fachhochschulreife sei um 16,3 Prozent gestiegen. „Unsere Aktivitäten, an Gymnasien über das Handwerk zu informieren, zeigen immer mehr Wirkung, fast jeder fünfte Azubi im Handwerk hat eine Hochschulreife“, sagt Peter Friedrich.
Auf der anderen Seite gebe es einen Trend, bemerkt die Handwerkskammer, dass junge Leute direkt nach der Schule in die Berufswelt einsteigen wollten – ohne Ausbildung. Immer mehr junge Leute verließen die Schule sogar ohne Abschluss. „Ohne beruflichen Abschluss steigt das Risiko langfristiger Arbeitslosigkeit“, warnt Friedrich. „Das Handwerk kann noch mehr junge Menschen ausbilden, nach wie vor sind viele Ausbildungsplätze verfügbar. Eine handwerkliche Ausbildung ist praxisnah, modern und zukunftssicher – ein hervorragender Start ins Berufsleben, unabhängig vom Schulabschluss.“
Insgesamt, sind sich beide Stellen einig, müsse man sowohl die Betriebe als auch die Auszubildenden und die Schulen vermehrt begleiten und besonders in der Übergangszeit mit Beratung zur Seite stehen. Die Bezirkskammer bietet daher wieder ihre Ausbildungsbotschafter, „Azubi-Gesucht?“, oder das „Kümmerer“-Projekt an. Darüber hinaus soll im Herbst eine Nachvermittlungsaktion im Kreis Böblingen stattfinden. Ausbildungsberater sollen darüber hinaus sowohl für Unternehmen als auch für Azubis zur Verfügung stehen. Die Handwerkskammer will auf niederschwellige Einstiegsangebote, wie den Tag des Handwerks, und gezielte Förderung setzen. Ab dem neuen Schuljahr unterstütze die Kammer Schulen dabei, solche Angebote gezielt in die Berufsorientierung zu integrieren. Mit dem Beginn des Ausbildungsjahrs 2025 wurde außerdem das Pilotprojekt „Freiwilliges Berufsorientierungsjahr“ im Kreis Böblingen gestartet. Langzeitpraktika sollen vertiefte Einblicke in Handwerksberufe geben. Das Ziel: Motivierte Nachwuchskräfte gewinnen und Ausbildungsabbrüche reduzieren. „Gerade für junge Menschen, die noch unsicher sind und sich ausprobieren wollen, ist das Projekt ein Türöffner“, so Friedrich.
Neben all den Problemen auf dem Ausbildungsmarkt gibt es aber auch Positives aus dem Kreis Böblingen. So sieht die Bezirkskammer im Handel so viele Azubis wie lange nicht mehr. Auch in der Metalltechnik mit ihren Zugpferden Mechatronik und Kfz-Mechatronik seien die Zahlen immerhin gleich geblieben. Die Handwerkskammer nennt als erfreuliche Beispiele die Zuwächse bei den Maler- und Lackierern, den Friseuren, den Fachverkäufern im Lebensmittelhandwerk und den Straßenbauern. Und konkret freut sich beispielsweise das Kälte- und Klimatechnikunternehmen Bitzer in Sindelfingen über einen Höchststand an weiblichen Azubis. Auch die Kreissparkasse Böblingen zeigt sich zufrieden, all ihre 50 Ausbildungsstellen besetzt zu haben. Bei der Stadt Herrenberg sind es 13 Auszubildende, die in den Kitas, bei den Stadtwerken und in der Stadtverwaltung anfangen.
Ausbildung
Der Start einer Ausbildung heißt für viele junge Menschen, dass sie in einen neuen Ort ziehen. Bezahlbarer Wohnraum ist aber gerade im Kreis Böblingen rar.
Förderung
Das Wohnbauministerium der Landesregierung hat seit vergangenem Jahr ein Programm, das Wohnheimplätze für Auszubildende fördert. Der Böblinger SPD-Landtagsabgeordnete Florian Wahl bemängelt, dass Fördermittel oft nicht abgerufen würden und dann verfielen. „Im Rahmen der Initiative Junges Wohnen liegt im Landkreis Böblingen bislang lediglich ein einziger Antrag zur Schaffung von nur 33 Wohnheimplätzen für Auszubildende vor“, schreibt er in einer Mitteilung an die Landesregierung. „Darüber hinaus ist lediglich ein potenzieller Neubau mit fünf Plätzen aus einem Interessenbekundungsverfahren bekannt.“
Kritik
Für Wahl ist dies angesichts der hohen Zahl an Auszubildenden im Landkreis Böblingen ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Landesregierung lasse Azubis im Stich. Sie „weiß faktisch nicht, wie viele Wohnheime es für Auszubildende im Landkreis Böblingen gibt – geschweige denn, wie sich die Situation in den vergangenen Jahren entwickelt hat“, so Wahl. Wahl fordert die Landesregierung daher auf, die Förderprogramme konsequent auszubauen und für mehr Transparenz bei der Bedarfs- und Datenlage zu sorgen.