Ausbildung im Kreis Esslingen Wie Handwerker Schüler für sich gewinnen

Auch ein Vortrag kann Jugendliche offenbar motivieren, sich für das Handwerk zu erwärmen. Sechs Betriebe aus dem Kreis Esslingen haben damit schon Erfolg gehabt. Foto: /Philipp Braitinger

Viele Schulabgänger zieht es eher an eine Universität oder Fachhochschule als ins Handwerk. Beim Vor-Ort-Termin in Schulen suchen sechs Firmen aus Altbach und Deizisau deshalb das persönliche Gespräch – offenbar mit Erfolg.

Social-Media ist das eine, das Gespräch von Angesicht zu Angesicht das andere. Sechs Handwerksbetriebe aus Deizisau und Altbach haben sich zusammengetan, um einen Vortrag zu gestalten, der Achtklässler für das Handwerk begeistern soll. Das funktioniert offenbar auch im Zeitalter von TikTok, Instagram und Co.. Beim Gespräch im kleinen Kreis findet das erste Kennenlernen statt, die Hemmschwelle für ein Praktikum sinkt erheblich. „Mit uns kann man direkt reden“, bringt es die Schreinerin Katja Ehle auf den Punkt.

 

Woran es liegt, dass manche Schulabgänger einen Bogen um das Handwerk machen, darüber kann der KfZ-Werkstattbetreiber Daniel Haist nur spekulieren. Fest steht aber: „In den letzten 10 bis 15 Jahren war das Interesse an einer handwerklichen Ausbildung leider gering, und viele junge Menschen haben den akademischen Weg bevorzugt“, meint er. Es gebe immer noch viele Vorurteile, ergänzt Glasermeister Lucas Schmidetter. Die Jobs seien schlecht bezahlt, nichts für Frauen oder verursachten Rückenschmerzen, zählt er einige Beispiele auf.

Gehälter im Handwerk können mithalten

Die Gehälter der Handwerksberufe könnten aber denen mit Studium das Wasser reichen, meint Timo Seifried. Er ist der Geschäftsführer der Metzgerei Waldwiesenhof. Am Ende könne die handwerkliche Ausbildung in die Selbstständigkeit mit eigenem Unternehmen führen. So war es bei Ali Lumia, dem Geschäftsführer von Reifen Premio. Die Schulzeit hat er nach eigenem Bekunden nicht immer in positiver Erinnerung. Im Beruf lief es dann aber richtig gut. Heute habe er mehr als dreißig Mitarbeiter.

Dass alle Handwerksberufe körperlich anstrengend sind, dem widerspricht Seifried. Technische Hilfsmittel erleichterten die Arbeit. Und für den Rücken gebe es kaum schlimmeres als den ganzen Tag am Schreibtisch zu sitzen, erklärt er. Hinzu komme die vergleichsweise hohe Arbeitsplatzsicherheit. „Das Handwerk ist allgegenwärtig und wird immer gebraucht“, sagt Seifried.

Aktion der sechs Betriebe zeigt erste Erfolge

Frauen sind in vielen Handwerksberufen immer noch in der Minderheit. Allerdings schafften jene Mädchen, die sich für eine Ausbildung im Handwerk entschieden, oft besonders gute Abschlüsse. „Keine Scheu“, empfiehlt deshalb die Geschäftsführerin Kerstin Sämann vom gleichnamigen Stuckateurbetrieb. Wichtig sei aber ein gewisses handwerkliches Geschick.

Die Botschaft ist klar: Das Handwerk bietet vielfältige Chancen. Und die örtlichen Betriebe wollen nicht die Hände in den Schoß legen und über die Situation wehklagen. Vielmehr möchten sie die Herausforderung annehmen, den Nachwuchs für eine Karriere in diesem Bereich zu gewinnen. „Im vergangenen Jahr haben wir die achten und neunten Klassen der Gemeinschaftsschule Deizisau besucht, was dazu führte, dass viele Schülerinnen und Schüler die Ausbildungsplatzbörse in Deizisau besuchten und Praktika in unseren Betrieben absolvierten“, berichtet Haist. Er selbst habe über diesen Weg zwei neue Auszubildende gewonnen.

Anforderungen an Mitarbeiter steigen

Mit einem klassischen Frontalvortrag ist dies natürlich nicht zu erreichen. „Um den Vortrag interaktiv zu gestalten, integrieren wir ein Quiz, bei dem die Schülerinnen und Schüler mithilfe ihrer Schultabletts Fragen beantworten können“, erklärt Haist. Beim Quiz wird unter anderem die Bedeutung des Handwerks deutlich. Allein in Deizisau gibt es 97 Handwerksbetriebe. Deutschlandweit sind es rund eine Million Unternehmen, die 5,5 Millionen Arbeitsplätze in 130 Berufen bieten, berichten die Handwerker.

Grundsätzlich reiche ein Hauptschulabschluss für den Einstieg in die meisten Handwerksberufe, sind sich die Geschäftsführer einig. Allerdings seien die Anforderungen an die Mitarbeiter auch in den Handwerksberufen in den vergangenen Jahren gestiegen. Auszubildende mit einem Realschulabschluss täten sich spürbar leichter auf der Berufsschule, sagt Katja Ehle. Und ein höherer Schulabschluss sei auch kein Hindernis für den Einstieg ins Handwerk, ergänzt Haist. Abiturienten, die statt einem Studium lieber eine betriebliche Ausbildung anstrebten, gebe es auch.

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