Was kennzeichnet den Ausbildungsmarkt? Der Ausbildungsmarkt zeige sich stabil mit einem hohen und qualitativ guten Angebot, sagt Martina Musati, Regionalchefin der Bundesagentur für Arbeit (BA). Die Zahl der Bewerber sei im Vorjahresvergleich um 1,7 Prozent auf 47 028 gestiegen, derweil die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen um 2,1 Prozent auf 71 962 gesunken sei. Die Relation bleibe aber „äußerst positiv“. Die Zahl der noch unversorgten jungen Menschen sei mit 18 671 leicht höher als im Vorjahr – „aber die heiße Phase beginnt ja jetzt erst“.
Damit Stellen und Anwärter noch besser zueinander kommen, nimmt Musati zwei Gruppen in den Blick: „Neben einer guten Berufsorientierung kommt den Eltern eine entscheidende Rolle zu“, sagt sie und bittet diese, sich mit der Berufsberatung in Verbindung zu setzen, „wenn ihre Kinder noch keinen Plan oder keine Zusage haben, wie es nach der Schule weitergehen soll“.
Ferner fordert die BA-Regionalchefin die Betriebe auf, auch schwächeren Jugendlichen eine Chance geben. Der Anteil der Jugendlichen, die schon im vorigen Jahr einen Ausbildungsplatz gesucht hätten und in den vergangenen fünf Jahren schon mal als Bewerber gemeldet waren, liege bei 30 Prozent. Dazu gebe es mit der assistierten Ausbildung ein reformiertes Instrument – eine flexible individuelle Fördermöglichkeit, um Betriebe bei der Ausbildung zu unterstützen.
Was bewirken die Praktikumswochen? Immer mehr scheinen die Praktikumswochen zur Berufsorientierung beizutragen, mit denen Schüler ab 15 Jahren angesprochen werden. Beim ersten Teil vor und in den Osterferien wurden rund 4800 Praktikumstage gezählt – eine deutliche Steigerung von etwa 1400 Tagen im Vergleich zu 2023. „Das ist ein großer Erfolg und zeigt: Das Angebot wird angenommen“, lobt Hoffmeister-Kraut. Die nächste Gelegenheit bestünde vom 14. bis 31. Oktober vor und in den Herbstferien.
Was läuft falsch an den Gymnasien? Dennoch wird besonders kritisch auf die Bildungspolitik und insbesondere auf die Gymnasien geschaut. Thorsten Pilgrim, Vizepräsident der IHK Region Stuttgart, sorgt sich, „weil die Berufsorientierung bei zu vielen jungen Menschen nicht ankommt“. Laut einer Bertelsmann-Studie sage mehr als die Hälfte der bundesweit Befragten: Es gebe ausreichend Informationen zur Berufsorientierung, dennoch sei es schwierig, sich zurechtzufinden. Gerade junge Menschen mit hoher Schulbildung wünschten sich mehr Unterstützung. Pilgrim sieht die Landesregierung gefordert, „im Zuge der Rückkehr zu G9 in den allgemeinbildenden Gymnasien den Fokus nicht allein auf ein akademisches Profil auszurichten“. Die Gleichwertigkeit von akademischer und beruflich-schulischer Bildung „darf nicht nur auf dem Papier stehen, sie muss aktiv gelebt werden“. Die Wirtschaft habe daher „klare Erwartungen an das Kultusministerium, dass die Sekundarstufe Eins praxisnah an den Bedürfnissen der Unternehmen ausgerichtet wird“.
Kultusstaatssekretärin Sandra Boser unterstreicht, „dass durchgehend Berufsorientierung stattfinden soll“. Sie bekennt aber, dass an den Gymnasien unterschiedlich mit den Vorgaben umgegangen werde und „dass bei manchen noch das Ziel Studium an erster Stelle steht“. Die Regierung wolle „die Gleichwertigkeit herstellen“, versichert sie. Versucht werde, die Lehrkräfte auf unterschiedliche Art und Weise mitzunehmen. Somit sei auch die Kooperation von Schule und Betrieb verstärkt worden, sodass Lehrerinnen und Lehrer in den Ausbildungsalltag hineinschauen könnten – was „volatil“ angenommen werde. Noch „im Austausch“ sei man in der Frage, ob Kompetenzen der Berufsorientierung schon im Studium der Lehrkräfte vermittelt werden könnten.
Warum bleiben viele ohne Ausbildung? Kai Burmeister, Landeschef des Deutschen Gewerkschaftsbundes, lenkt den Blick auf bundesweit 2,6 Millionen Menschen zwischen 20 und 34 Jahren ohne einen berufsqualifizierenden Abschluss. „Es ist längst nicht alles gut“, verweist er auf strukturelle Probleme beim Übergang von der Schule in Ausbildung, beim oftmaligen Studienabbruch und dem unzureichenden Übergang zu berufsqualifizierenden Abschlüssen.
Musati nennt es „bitter“, dass es bei den heute 25- bis 35-Jährigen in den vergangenen Jahren nicht gelungen sei, den Wert einer Ausbildung zu vermitteln. Nur ein Teil von ihnen hole eine Ausbildungsqualifizierung nach. Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass es in Baden-Württemberg vom Einkommen her attraktive Anlerntätigkeiten gebe, die direkt nach der Schule ergriffen würden. Dies werde allerdings nicht so bleiben: Infolge der Transformation sei das Risiko für Arbeitslosigkeit ohne berufliche Qualifikation sechsmal höher als mit Abschluss.
Die Top-10-Ausbildungsberufe der Bewerber
Ranking
Die Bundesagentur für Arbeit führt eine Bewerberrangliste der zehn beliebtesten Ausbildungsberufe im Land (Männer und Frauen). Sie wird angeführt vom KfZ-Mechatroniker/Pkw-Technik – gefolgt vom Kaufmann/Kauffrau/Büromanagement, Medizinische(r) Fachangestellte(r), Industriekaufmann/-frau, Industriemechaniker(in), Fachinformatiker(in), Verkäuferin/Verkäufer, Kaufmann/Kauffrau im Einzelhandel, Automobilkaufmann/-frau sowie Elektroniker(in)/Energie- und Gebäudetechniker(in).