Ausbildung in Stuttgart Ein neues Phänomen – mehr Abbrecher an kaufmännischen Schulen

Rainer Denz, der geschäftsführender Schulleiter der kaufmännischen Schulen und Leiter der Kaufmännischen Schule Stuttgart Nord, sorgt sich wegen Schulabbrechern und einer Zunahme an Fehlzeiten bei Schülern. Foto: Georg Friedel und Privat

Immer mehr angehende Rechtsanwaltsfachangestellte oder Außenhandelskaufleute ziehen die Ausbildung nicht durch. An den Schulen macht man sich Sorgen – und handelt.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Der Mai ist Prüfungsmonat – auch an den Berufsschulen. Doch immer mehr Auszubildende der kaufmännischen beruflichen Schulen schaffen es offenbar nicht bis zur Prüfung, sie hören vorher auf. „Wir haben sehr viele Abbrecher“, berichtet der geschäftsführende Schulleiter Rainer Denz. Das sei für die kaufmännischen Schulen ein relativ neues Phänomen, das diese derzeit umtreibe.

 

In Stuttgart gibt es fünf kaufmännische Schulen, davon vier mit Berufsschulen, die zum Beispiel angehende Bankkaufmänner und -frauen, zukünftige Steuer- oder Rechtsanwaltsfachangestellte besuchen. Eigentlich sei dies ein zuverlässiges Klientel. Doch in den vergangenen drei Jahren habe sich etwas geändert, so Denz.

Viele haben Sprachprobleme

Beispiel Rechtsanwaltsfachangestellte: 87 hätten in diesem Schuljahr begonnen, jetzt seien es nur noch 70. Beispiel Groß- und Außenhandelskaufmann: von den 76 gestarteten Berufsschülern seien nur noch 62 übrig – und das Schuljahr sei noch nicht vorbei. An allen kaufmännischen Schulen nehme die Abbrecherquote zu. „Das macht uns Sorgen“, sagt Denz.

Doch woran liegt es, dass ein Teil der Auszubildenden nicht mehr durchhält? Der Schulleiter nennt schulische Überforderung und Sprachprobleme als Hauptgründe. Ein Teil der Schülerinnen und Schüler habe Schwierigkeiten mit dem selbstständigen Lernen und damit, eigene Ideen zu entwickeln. Der Bildungsplan sei für diese zu anspruchsvoll.

Auszubildende mit Fluchthintergrund, die es inzwischen nicht mehr nur an den gewerblichen, sondern auch an kaufmännischen Schulen vermehrt gebe, hätten zudem Schwierigkeiten mit dem Fachvokabular, zum Beispiel im Steuerrecht. Ohne zusätzliche Deutschstunden gehe es nicht mehr, das sei die Erkenntnis. Die Schulen haben sich deshalb hilfesuchend ans Kultusministerium gewandt –mit Erfolg. Man könne die zusätzlichen Deutschstunden in Zukunft anbieten, berichtet Denz.

Gute Erfahrungen mit Deutschkursen

Solche zusätzlichen Deutschkurse gibt es zum Beispiel schon seit 2018 bei den gewerblichen beruflichen Schulen, wo sich das Problem mit den mangelnden Deutschkenntnissen entsprechend früher bemerkbar gemacht hatte. Die Erfahrungen mit den Kursen sind laut dem geschäftsführenden Schulleiter der gewerblichen Schulen, Felix Winkler, positiv. Man bringe dadurch mehr junge Menschen durch. Oft müsse man mithilfe des Ausbildungsmanagements aber zunächst Überzeugungsarbeit leisten bei den Betrieben, weil diese ihre Auszubildenden für die viereinhalb zusätzlichen Deutschstunden freistellen müssen. „Wer es ernst meint mit der Ausbildung, muss eigentlich freistellen“, meint Winkler. Das Werben für die Kurse sieht er auch auf die kaufmännischen Schulen zukommen.

Die allermeisten Prüflinge der kaufmännischen Schulen bestehen übrigens ihre Abschlussprüfungen, nur seien die Noten schlechter als früher, berichtet Schulleiter Rainer Denz. Die Durchfallquote liege je nach Ausbildung bei drei bis fünf Prozent, nur beim Industriekaufmann habe es 2025 einen Ausreißer nach oben gegeben (12 Prozent).

In Deutsch und Mathematik fehlen Kompetenzen

Bei der Industrie- und Handelskammer Region Stuttgart (IHK) stuft man die ihnen vorliegenden Durchfallquoten beziehungsweise die Bestehungsquoten als „im vertretbaren Rahmen“ ein. Allerdings meldeten die Unternehmen zurück, dass viele Auszubildende aktuell „weniger gut vorbereitet aus der Schule“ kämen. Das betreffe insbesondere grundlegende Kompetenzen in Deutsch und Mathematik – „trotz oft ordentlicher Schulnoten“, so eine Sprecherin.

Dass die Abbrüche signifikant zunehmen, wie man aktuell in den Stuttgarter Schulen feststellt, sieht man so bei der IHK bisher nicht. 2025 sind laut IHK-Statistik 9,5 Prozent der Ausbildungsverträge vorzeitig aufgelöst worden. 2019 habe diese Quote bei 8,3 Prozent gelegen. Ursachen für solch ein vorzeitiges Ende könne laut der Sprecherin eine fehlende Passung zwischen Betrieb und Auszubildenden sein. Auch die noch unzureichende Ausbildungsreife könne dazu führen. Teils orientierten sich junge Menschen auch kurzfristig um, zum Beispiel wegen gesundheitlicher Probleme.

Zahl der geflüchteten Schüler in Ausbildung deutliche gestiegen

 An den Stuttgarter beruflichen Schulen werden laut dem aktuellen Bildungsbericht der Landeshauptstadt insgesamt 154 Berufe angeboten. Die meisten (114) an den gewerblichen Schulen. 32 Ausbildungsberufe sind es an den vier kaufmännischen Schulen Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule, Kaufmännische Schule 1, Kaufmännische Schule Nord und Louis-Leitz-Schule. Die fünfte kaufmännische Schule in Stuttgart ist das Wirtschaftsgymnasium West (WG West). Hierbei handelt es sich um eine Vollzeitschule. Im Schuljahr 2023/24 besuchten dem Bildungsbericht zufolge insgesamt 6319 Schülerinnen und Schüler eine kaufmännische Schule beziehungsweise 25 843 eine berufliche Schule in Stuttgart.

Die Zahl der geflüchteten Schüler an den Berufsschulen ist deutlich gestiegen. Laut einer aktuellen Statistik des geschäftsführenden Schulleiters Felix Winkler besuchten in diesem Schuljahr mehr als 1800 junge Geflüchtete in Ausbildung eine berufliche Schule – gegenüber weniger als 1200 vor drei Jahren. Im Schuljahr 2016/17 seien es demnach sogar nicht einmal 200 geflüchtete Auszubildende in Stuttgart gewesen.

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