Ausbildung Offene Lehrstellen und doch kein Job

In der Region Stuttgart gibt es noch etliche freie Ausbildungsplätze – nicht nur für Azubis, die Werkstücke wie hier im Bild bearbeiten. Foto: dpa//Jan Woitas

Am 1. September startet das neue Ausbildungsjahr – viele Lehrstellen sind noch unbesetzt. Die einen bewerben sich auf die falsche Stelle, den anderen fehlt die Einstiegsqualifikation. Ein Arbeitsmarktforscher plädiert für mehr Betriebspraktika.

Wirtschaft: Imelda Flaig (imf)

Viele Unternehmen suchen händeringend nach Auszubildenden und bekommen ihre Lehrstellen nicht besetzt, gleichzeitig gehen etliche Bewerber leer aus. „Die Berufswünsche der Jugendlichen passen nicht immer zu den angebotenen Ausbildungsstellen“, sagt Bernd Fitzenberger, Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Dieses „Mismatch“, also diese Passungsprobleme, haben seit der Coronapandemie zugenommen.

 

Die Ursachen sind unterschiedlich. Mal liegt es an der Qualifikation, mal daran, dass sich zu viele auf Plätze in übermäßig nachgefragten Berufen bewerben oder an der Region. Während es in Baden-Württemberg und Bayern noch etliche freie Ausbildungsplätze gibt, herrscht beispielsweise in Berlin, Teilen des Ruhrgebiets und in der Region um Frankfurt ein eklatanter Mangel.

Mehr als 1500 offene Lehrstellen

Ein Hemmnis sieht der Experte auch in der fehlenden Mobilität. Auszubildende wohnten – auch aus finanziellen Gründen – meist noch bei den Eltern und seien weniger mobil als Studierende, auch wenn es verschiedene Initiativen für preiswertes Azubi-Wohnen gebe. In ländlichen Regionen kämen oft noch große Pendeldistanzen zwischen Wohnort, Arbeitsort und Berufsschule dazu.

Relevant ist für die meisten Jugendlichen das Angebot an Ausbildungsstellen im Einzugsbereich ihres Wohnorts. In der Region Stuttgart haben Bewerber noch gut Chancen. Ende Juli sind allein bei den Lehrstellenbörsen der IHK Region Stuttgart noch mehr als 1100 freie Ausbildungsplätze und bei der Handwerkskammer noch gut 460 offene Lehrstellen für 2023 gemeldet. Und Betriebe hoffen, dass aus den Lehrstellen keine Leerstellen werden.

Insgesamt gibt es in Deutschland 327 Ausbildungsberufe, doch besonders attraktiv sind für junge Menschen beispielsweise Berufe in der Kfz-Technik, Verwaltung oder Softwareentwicklung, sowie künstlerisch-kreative Berufe wie etwa Tischler oder Mediengestalter, sagt der IAB-Forscher Fitzenberger. Die Chancen hier einen Ausbildungsplatz zu bekommen, seien daher nicht so gut. In vielen technischen Bereichen in der Industrie, in bestimmten Handwerksbereichen oder im Hotel- und Gaststättengewerbe dagegen könnten zahlreiche Ausbildungsplätze nicht besetzt werden.

Immer mehr Abiturienten machen eine Lehre

Laut Fitzenberger hängt das auch damit zusammen, dass sich immer mehr Abiturienten für einen Ausbildungsberuf und gegen ein Studium entscheiden, aber – bis auf wenige Ausnahmen – aber eher nicht in Ausbildungsberufe im Handwerk gingen wie Verkaufsberufe in Metzgereien, Bäckereien oder in Bau- und baunahe Berufe.

Viele Jugendliche tun sich laut Fitzenberger überhaupt schwer, einen Berufswunsch zu formulieren – die Pandemie habe das noch verschlimmert. Aus Sorge, die falsche Entscheidung zu treffen, wird oft der Einstieg in den Arbeitsmarkt hinausgezögert. Viele Abiturienten machten ein Überbrückungsjahr, schnupperten teils noch ins Studium hinein, ehe sie sich für eine Ausbildung entschieden. Etliche Realschüler und Hauptschüler versuchten sich weiterzuqualifizieren und blieben im Schulsystem. Es herrsche noch sehr stark die Vorstellung vor – auch in der Gesellschaft –, dass man lieber mal abwarte und dann das Richtige wähle, als etwas auszuprobieren, sagt Fitzenberger. „Das Ausprobieren findet dann aber doch statt, wie die hohen Abbruchquoten zeigen.“ Zahlen des Statistischen Bundesamts zufolge bringt jeder vierte Azubi seine Ausbildung nicht zu Ende.

Fitzenberger plädiert dafür, das Thema Berufsorientierung stärker in den Schulen zu verankern und mit Betriebspraktika zu verzahnen. In Haupt- und Realschulen finde sehr viel statt, in Gymnasien gebe es noch deutlichen Verbesserungsbedarf. Die Berufsorientierung müsse die Jugendlichen noch besser abholen. „Jugendliche haben viele Informationsangebote, fühlen sich aber trotzdem nicht gut informiert und bereit, den nächsten Schritt zu gehen“, sagt er.

Mehr Bewerber als Ausbildungsplätze bei IT-Berufen

Paradox sei, dass es in IT-Berufen wie etwa Softwareentwicklung und Programmierung, wo Fachkräfte besonders rar seien, mehr Bewerber als Ausbildungsplätze gebe. Insgesamt könnten in diesem Feld mehr Betriebe ausbilden, sagt Fitzenberger. Das Fehlen an Ausbildungsplätzen könnte damit zu tun haben, dass junge IT-Unternehmen noch keine Ausbildungsberechtigung haben.

Und was ist mit denjenigen, die gerne eine Ausbildung machen wollen, es aber nicht tun können, weil sie Lernprobleme haben oder es schon absehbar ist, dass sie die Berufsschule nicht schaffen werden? Viele Betriebe seien bereit, in Zeiten des Fachkräftemangels auch leistungsschwächeren Jugendlichen eine Chance zu geben. Dabei gebe es auch Unterstützungsangebote, die von den Agenturen für Arbeit beziehungsweise den Trägern der Grundsicherung finanziert würden, erklärt IAB-Forscher Bernd Fitzenberger.

Beliebteste Ausbildungsberufe

1. Kaufmann/-frau für Büromanagement

2. Kraftfahrzeugmechatroniker/-in

3. Verkäufer/-in

4. Kaufmann/-frau im Einzelhandel

5. Fachinformatiker/-in

6. Medizinische Fachangestellte/-r

7. Industriekaufmann/-frau

8. Elektroniker/-in

9. Anlagenmechaniker/-in Sanitär-, Heizungs-, Klimatechnik

10. Zahnmedizinischer Fachangestellte/-r
In den zehn beliebtesten Berufen in Deutschland hat sich 2023 nach Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) im Vergleich zum Vorjahr wenig getan. Allerdings setzt der Kfz-Mechatroniker seinen Aufstieg fort und verbannt den Verkäufer auf den dritten Platz. Auch der Fachinformatiker rückt auf, wodurch der medizinische Fachangestellte absteigt.

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