Ausbildung Wie die Betriebe Azubis anlocken können
Zahlreiche Angebote – aber nicht genügend Bewerber: Viele Betriebe haben größte Mühe, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen. Um mehr Erfolg zu haben, müssen sie auch die neuen Trends beachten.
Zahlreiche Angebote – aber nicht genügend Bewerber: Viele Betriebe haben größte Mühe, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen. Um mehr Erfolg zu haben, müssen sie auch die neuen Trends beachten.
Alle Zeichen stehen auf akutem Mangel: 74 Prozent der Unternehmen in Baden-Württemberg können nicht alle Ausbildungsplätze besetzen – es liegen nicht genügend geeignete Bewerbungen vor. Dies geht aus einer aktuellen Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) unter 2095 Betrieben im Land vor. Der Überhang an Angeboten führt zu Entwicklungen, auf die sich die Betriebe erst noch einstellen müssen. Fünf Trends, die im Umgang mit dem Nachwuchs zu beachten sind.
1 Die Stärken berücksichtigen Mangel muss nicht sein: Die Telekom AG habe seit Mitte Juni alle ihre Ausbildungsplätze für 2024 voll besetzt und schon mit den Besetzungen für 2025 begonnen, schildert Daniel Kovacevic, Ausbildungsleiter bei der Telekom AG in Baden-Württemberg. Wie das? In den vergangenen zwei Jahren habe das Unternehmen den Jugendlichen genauer zugehört, wo ihre Bedürfnisse und Erwartungen liegen – in der Folge wurden das Recruiting, das Praktikum sowie der Messeauftritt komplett umgestellt.
Vielfach fehle jungen Menschen seit der Pandemie die Orientierung. „Sie bringen so viel mit, wissen aber gar nicht, in welche Richtung es gehen kann – wir wollen die Lücke schließen“. So gebe es nun die Möglichkeit der „open application“: eine allgemeine Bewerbung, die nicht auf ein konkretes Berufsbild zielt. Das Unternehmen versucht dann, die Interessen und Stärken herauszuarbeiten, um den Bewerbern zu zeigen, was zu ihnen passt. Diese „Passung“ sei wichtig, damit sich der junge Mensch mit der Aufgabe identifizieren könne, sagt Kovacevic. Ziel sei auch ein schnelleres Feedback.
2 Attraktivität für Bewerber steigern Bei Werbemaßnahmen setzen die Betriebe zumeist auf eigene Web- und Karriereseiten (89 Prozent der Umfrageteilnehmer), Schüler- und Schnupperpraktika sowie Werbung durch Mitarbeiter (je 73 Prozent) sowie Online-Stellenbörsen. Doch es geht um mehr: Immer mehr Unternehmen richten auch Strukturen und Inhalte auf die jungen Menschen aus, um attraktiv zu wirken. Der Umfrage zufolge zählen flache Hierarchien zu den wichtigsten Maßnahmen (63 Prozent) und die Ausstattung mit IT-Technik (53 Prozent) – seltener die Möglichkeit, an Projekten im Bereich Nachhaltigkeit oder soziales Engagement (36 Prozent) teilzunehmen.
3 Unvermitteltes Fernbleiben verhindern Der Überhang an Angeboten führt zu mehr Optionen für junge Leute: Mit Überraschung stellt die IHK dennoch fest, dass immer mehr junge Menschen ihren vertraglich vereinbarten Ausbildungsplatz nicht antreten: 14 Prozent der Betriebe im Land und 22 Prozent in der Region berichten von einer „No-show“-Quote. „Alles ist vorbereitet – doch der Kandidat bleibt einfach weg, weil er mehrere Verträge gleichzeitig abgeschlossen hat“, sagt Andrea Bosch, die Leiterin Berufliche Bildung bei der IHK Region Stuttgart. Es gebe einen „dringenden Nachholbedarf, junge Menschen, aber auch Eltern und Schulen zu sensibilisieren, dass dies keine gute Sache ist für die Betriebe ist, weil dadurch oftmals einem anderen jungen Menschen ein Platz weggenommen wird“.
4 Bezahlbaren Wohnraum schaffen Schon ein Fünftel der Betriebe sieht den knappen erschwinglichen Wohnraum gerade in Ballungsräumen und Unistädten als Hindernis bei der Azubi-Suche. Wenige Unternehmen wie die SSB mieten schon Wohnungen für den Nachwuchs an, andere vermitteln geeignete Wohnungen oder zahlen Mietzuschüsse. Noch vielversprechender ist vielleicht der Ansatz, Azubiwohnheime analog den Studentenwohnheimen zu schaffen. Nach einem Aufruf der Landesregierung im Frühjahr haben nach IHK-Informationen 74 mögliche Investoren Interesse bekundet, ein Projekt zu starten. Erste Modelle gebe es in Heidelberg und Mannheim, auch Freiburg und Konstanz seien dran.
5 Ausbildungsschwächen beheben Die Ausbildungsreife steht seit Langem in der Kritik – dennoch ruft die Bundesagentur für Arbeit die Arbeitgeber dazu auf, auch schwächeren Jugendlichen eine Chance zu geben. Laut der Umfrage sehen sich nur 20 Prozent der Betriebe nicht in der Lage, leistungsschwächere Schulabgänger zu fördern und zu integrieren. Ansonsten wird laut IHK viel Kreativität an den Tag gelegt, um Defizite zu beseitigen. „Die Unternehmen machen schon Zugeständnisse, können aber nicht alles ausgleichen, was an den Schulen möglicherweise versäumt wurde“, sagt Arnold.