Ausbildungsmarkt im Kreis Böblingen Betriebe stellen weniger Azubis ein

Lehrlinge werden im Kreis Böblingen dringend gesucht, doch viele Jugendliche streben einen höheren Schulabschluss an. Oft fehlen aber auch geeignete Bewerber.

Die Arbeitszeiten schrecken  viele ab, sich in der Gastronomie ausbilden zu lassen. Foto: dpa
Die Arbeitszeiten schrecken viele ab, sich in der Gastronomie ausbilden zu lassen. Foto: dpa

Böblingen - Bei Marion Oker schrillen die Alarmglocken: „Den Hotels und Gaststätten im Landkreis fehlen Auszubildende“, sagt die Geschäftsführerin der IHK-Bezirksammer in Böblingen. In der Gastronomie seien gegenüber dem Vorjahr 22 Prozent weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen worden. „Manche schrecken die Arbeitszeiten ab, die nicht von 9 Uhr bis 17 Uhr dauern“, berichtet Oker. Auch insgesamt sei ein Rückgang zu verzeichnen. Genau 1275 neue Azubis sind von den Firmen im Kreis in diesem Jahr eingestellt worden – 63 weniger als noch vor Jahresfrist. „Wir haben ein Nachwuchsproblem“, stellt die IHK-Chefin fest. Dies werde das Problem des Fachkräftemangels noch weiter verschärfen.

Die meisten Jugendliche streben einen Büro-Job an

Dieses Klagelied stimmen auch der Einzelhandel und die Betriebe an, die händeringend Lehrlinge suchen. Bäcker, Metzger sowie andere Fachgeschäfte – und nicht zuletzt Kaufhäuser und Supermarktketten – stellten 7,7 Prozent weniger Lehrlinge ein. „Am häufigsten wollen die Jugendlichen in einem Büro arbeiten und streben eine kaufmännische Ausbildung an“, sagt Irene Ebert, die Ausbildungsberaterin bei der Böblinger Industrie- und Handelskammer. Dennoch sei auch in diesem Bereich ein Minus an Azubi-Verträgen zu verzeichnen: es liege bei 5,8 Prozent. Das rühre auch daher, dass die Betriebe nicht mehr genügend geeignete Bewerber finden würden.

„Die Heranwachsenden sind, wenn sie von der Schule kommen, nicht mehr so auf das Berufsleben vorbereitet wie in früheren Jahren“, sagt Ebert. Erwartet werden auch soziale Fähigkeiten wie Verlässlichkeit, Pünktlichkeit und Teamfähigkeit. Aber gerade daran mangele es den Jugendlichen, darüber sind sich viele Ausbildungsexperten einig. „Manche Unternehmen sind deshalb dazu übergegangen, einfach weniger Azubis einzustellen“, resümiert Irene Ebert.

IHK vermittelt junge Flüchtlinge

Ein weiterer Grund, warum nicht mehr so viele Azubis an den Start gehen, sei seit Jahren die Neigung vieler Heranwachsender, lieber eine weiterführende Schule zu besuchen, erklärt Marion Oker. „Immer mehr streben einen höheren Schulabschluss an und beginnen anschließend ein Studium“, erklärt die Böblinger IHK-Chefin. Darüber hinaus gebe es aber auch wieder weniger Schulabgänger, weil die Jahrgänge schwächer geworden seien, hat Oker festgestellt.

Um die Betriebe zu unterstützen, wird die IHK selbst tätig. Sie bietet nicht nur Beratungs- und Serviceleistungen an, sondern organisiert auch Aktionen wie „Azubi gesucht?“, bei denen Unternehmen über Ausbildungsgänge informieren und Jugendliche direkte Ansprechpartner finden. Die IHK-Ausbildungsberater kümmerten sich in den vergangenen zwölf Monaten auch um insgesamt 164 Schüler, um mit ihnen in Einzelgesprächen Berufswünsche zu erörtern. 103 von ihnen wurden an Ausbildungsbetriebe vermittelt.

Den Einstieg in einen Beruf wollen die IHK-Berater auch geflüchteten jungen Menschen erleichtern. Im Rahmen eines Integrationsprojektes konnten im vergangenen Jahr 60 von ihnen eine Ausbildung beginnen, 112 Jugendlichen wurde zu einem Praktikumsplatz verholfen und 26 absolvierten einen Qualifikationskurs.

Rund 50 Azubis haben keinen Schulabschluss:

Ausbildungsbetriebe : In diesem Jahr bilden im Kreis 751 Unternehmen Nachwuchs aus. Das sind 18 weniger als noch vor einem Jahr und 39 weniger als vor zehn Jahren. Jeder fünfte Betrieb ist auf dem gewerblichen Sektor tätig, wo es ebenfalls einen leichten Rückgang bei den abgeschlossenen Ausbildungsverträgen gibt. Jeder zehnte Ausbildungsbetrieb bietet sowohl gewerbliche, als auch kaufmännische Lehrstellen an, 70 Prozent ziehen sich ausschließlich kaufmännischen Nachwuchs heran.

Frauenanteil : Nur 34 Prozent der Auszubildenden für gewerbliche und kaufmännische Berufe sind weiblich. Viele junge Frauen wählen Ausbildungsgänge im Sozial- und Gesundheitsbereich, wo sie in der Mehrzahl sind – etwa in Kindergärten oder als Pflegerinnen in Krankenhäusern.

Berufswunsch : Die meisten Jugendlichen begannen eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann (127). 82 lassen sich zum Kaufmann oder zur Kauffrau für Büromanagement ausbilden. 75 wollen Lagerlogistiker werden. 73 lernen Mechatroniker, 56 Kraftfahrzeugmechatroniker und 43 Industriemechaniker. Bei den Hotelfachleuten wurden lediglich 41 Azubis eingestellt, vor einem Jahr waren es noch 57.

Schulbildung : 45 Prozent der Azubis haben einen Realschul-, 15 Prozent einen Hauptschulabschluss. 36 Prozent bringen die Fach- oder Hochschulreife mit. Vier Prozent – rund 50 Jugendliche – haben keinen Schulabschluss vorzuweisen.