Immer mehr Abiturienten machen eine Lehre, während Jugendliche mit geringerer Schulbildung geringere Chancen haben – warum das aber kein Verdrängungswettbewerb ist, erklärt ein Experte.

Wirtschaft: Imelda Flaig (imf)

Während sich immer mehr Abiturienten für eine Berufsausbildung entscheiden, schaffen immer weniger Hauptschüler oder junge Leute ohne Schulabschluss den Sprung in die Lehre. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. So ist in den letzten zehn Jahren der Anteil derer, die mit Abitur eine duale oder schulische Ausbildung beginnen, von 35 Prozent im Jahr 2011 auf 47,4 Prozent im Jahr 2021 gestiegen – das ist knapp die Hälfte eines Abiturjahrgangs.

Das liege auch daran, dass der Anteil der Jugendlichen, die Abitur machten, steige, sagt Christian Rauch, Leiter der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit. Fest steht für ihn aber auch: „Auf dem Ausbildungsmarkt in Baden-Württemberg findet keine Verdrängung von Hauptschülern durch Abiturienten statt. Es gibt fast 12 000 unbesetzte Ausbildungsplätze.“ Die hohe Zahl unbesetzter Ausbildungsplätze in fast allen Branchen und Berufsbildern signalisiere auch vielfältige Berufschancen „auch besonders für die Absolventinnen und Absolventen mit Hauptschulabschluss“, sagt Stefan Küpper, Geschäftsführer für Bildungspolitik der Arbeitgeber Baden-Württemberg.

Nicht nur nach Zeugnissen einstellen

Dass sich die Zahl der Jugendlichen, die sich weder in Ausbildung noch in der Schule oder in Arbeit befinden, deutlich erhöht hat, hält Studienautor Dieter Dohmen für eine dramatische Entwicklung – in der Gruppe der 15- bis 24-Jährigen von 492 000 Personen im Jahr 2019 auf 630 000 im Jahr 2021 „Viel zu viele Jugendliche gehen auf dem Ausbildungsmarkt leer aus oder fallen ganz aus dem System“, so Dohmen.

Kai Burmeister, Vorsitzender des DGB Baden-Württemberg, kritisiert, über den Fachkräftemangel zu klagen und weiter nur nach Zeugnissen statt nach Qualifikation einzustellen, passe nicht zusammen. In Baden-Württemberg hätten 15 Prozent aller Einwohner zwischen 25 und 34 Jahren keinen berufsqualifizierenden Abschluss. „Hier braucht es eine gemeinsame Kraftanstrengung von Schulen, Arbeitgebern und Gewerkschaften, um diesen jungen Menschen verlässliche Perspektiven zu eröffnen.“