Das Lob für den neuen Arbeitgeber war zugleich eine Ohrfeige für den alten. „Unglaublich viel Freude“ bereite ihm der Job als Leiter einer Pflegeschule, berichtete Rico Kuhnke im Berufsnetzwerk Linked-in. Neben netten und aufgeschlossenen Kollegen erlebe er dort vor allem große Wertschätzung – „ein Umstand, den ich einige Jahre nicht mehr hatte und jetzt umso mehr zu schätzen weiß“.
Der Seitenhieb galt der Landesschule des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) mit Hauptsitz in Pfalzgrafenweiler (Kreis Freudenstadt). Seit 2011 war Kuhnke dort als Gesamtschulleiter für die Ausbildung an den landesweit elf Standorten zuständig, kümmerte sich um die strategische Ausrichtung und die verbandspolitische Vertretung. Mit seinem Engagement habe der gelernte Notfallsanitäter und studierte Pädagoge „maßgeblich zum Erfolg“ der größten deutschen DRK-Schule mit mehr als 200 Mitarbeitenden beigetragen, würdigte ihn im Herbst der Schulgeschäftsführer Alfred Schulz.
Dissens über die „künftige Ausrichtung“?
Der Anlass war zumindest für Außenstehende ein überraschender: Damals wurde Kuhnke mit sofortiger Wirkung vom Dienst freigestellt. Man trenne sich im gegenseitigen Einvernehmen, hieß es. Hauptgrund seien „unterschiedliche Vorstellungen über die künftige Ausrichtung“ der Schule. Genauere Erklärungen gab und gibt es von keiner Seite. Offenbar hatten sich schon länger schwelende Konflikte zwischen Schulz und Kuhnke zugespitzt. Am Ende schlug sich der Aufsichtsrat unter Führung der DRK-Präsidentin Barbara Bosch auf die Seite des Geschäftsführers. Weitere Informationen, hieß es, „folgten in Kürze“.
Neuigkeiten gab es seither einige, aber mehr über personelle Turbulenzen als über den künftigen Kurs. Der teils als überfordert geschilderte Geschäftsführer Schulz, dem die Arbeit zuletzt ziemlich zugesetzt hat, fällt auf unabsehbare Zeit aus. Seine Aufgaben übernehmen derweil von Stuttgart aus der Co-Chef, DRK-Landesgeschäftsführer Marc Groß, und eine Vertreterin vor Ort. Die stellvertretende Gesamtschulleiterin war zunächst für Kuhnke in die Bresche gesprungen, hat das DRK aber inzwischen ebenfalls verlassen. Ersatz für sie fehlt bisher.
Der Geschäftsführer lässt sich jetzt duzen
Auch die Pressesprecherin der Schule, die gerade noch zur Unruhe dort Auskunft gab, hat sich verabschiedet. Ihr oblag es unter anderem, die kritischen Kommentare auf dem Bewertungsportal kununu zu beantworten. Dort werden, bei einer mittelmäßigen Gesamtnote, immer wieder Führung und Kommunikation bemängelt. Dass man den Geschäftsführer neuerdings duzen dürfe, so ein Eintrag, ändere an den Defiziten wenig.
Parallel zu den Abgängen sucht die Schule ständig neues Personal; aktuell laufen mehr als 20 Ausschreibungen. Händeringend gefahndet wird vor allem nach Dozenten, die die geforderte Doppelqualifikation mitbringen: die fachliche Ausbildung als Notfallsanitäter und ein pädagogisches Studium. Verlangt wird das schon seit etlichen Jahren, doch bis Ende 2023 wurde übergangsweise noch ein Auge zugedrückt; die Lehrkräfte durften sich neben dem Job pädagogisch fortbilden. Allzu lange will das Stuttgarter Sozialministerium die Ausnahme nicht mehr dulden. Man führe mit allen Schulträgern Gespräche, „wie das Lehrkraftproblem schnellstmöglich gelöst werden kann“, sagt ein Sprecher. Bundesweit fehlen Ausbilder für die dringend benötigten Notfallsanitäter, die Umworbenen haben folglich eine große Auswahl. Umso wichtiger erscheint der Ruf der Schule. Der leidet inzwischen auch in den sozialen Medien, wie jüngst eine sarkastische „Suchmeldung“ zeigte: An der Landesschule würden „sämtliche Lerninhalte vermisst – Hinweise an jede Rettungsleitstelle“.
Sozialministerium dringt auf volle Qualifikation
Was ist los bei der DRK-Einrichtung? Woran liegen die Abgänge und die Unzufriedenheit? Was sagt die Chefaufseherin Bosch zur aktuellen Krise? Aus dem Roten Kreuz gibt es dazu nur inoffizielle Einschätzungen: Alles laufe seinen geregelten Gang, Personalwechsel gebe es immer mal, an Lösungen werde gearbeitet. Mit einer offiziellen Auskunft aber tut sich das DRK seit Wochen schwer. Zunächst wurden unserer Zeitung Antworten avisiert, dann verzögerten sich diese mehrfach, schließlich hieß es, man sehe sich derzeit zu keiner Stellungnahme imstande. Das DRK ist nicht sprechfähig – lieber nimmt man offenbar diesen Eindruck in Kauf, als etwas zu sagen.
Zumindest eine Reaktion aber gab es. Kurz nach dem Hinweis auf den kritischen Linked-in-Eintrag von Rico Kuhnke verschwand dieser plötzlich. Stehen blieb ein Kommentar, der ihm „einen besseren Arbeitgeber“ als die DRK-Schule wünscht.