Ausbildungsstart am 1. September Handwerk hat noch viele offene Stellen

Die Azubi-Zahlen bei den Zimmerern sind in der Region Stuttgart zum Start des neuen Ausbildungsjahres um 33 Prozent gestiegen. Foto:  

Zum Ausbildungsstart am 1. September sind in der Region Stuttgart weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen worden als im Vorjahr. Auch wenn der Nachwuchs in den Startlöchern steht, sind Azubis noch dringend gesucht.

Wirtschaft: Imelda Flaig (imf)

Während das Handwerk in Baden-Württemberg wieder verstärkt ausbildet, gibt es in der Region Stuttgart einen Rückgang bei den Ausbildungsverträgen – um 2,4 Prozent. Zum Start des neuen Ausbildungsjahres am 1. September beginnen hier 3506 junge Menschen eine Ausbildung im Handwerk, 2023 waren es noch 3594.

 

Auch wenn der Nachwuchs bereits in den Startlöchern steht, sind Azubis noch dringend gesucht. Peter Friedrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart, schätzt, dass jede dritte oder vierte Lehrstelle in der Region unbesetzt sei. Genaue Zahlen seien schwierig, da die Firmen ihre offenen Ausbildungsplätze nicht melden müssten. Mehrere hundert freie Lehrstellen sind es allein im Handwerk in der Region Stuttgart. In ganz Baden-Württemberg sind nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit Stand Ende August noch 7500 Ausbildungsplätze in Handwerksberufen offen.

Endgültig abgerechnet wird allerdings erst am Jahresende, da in den kommenden Wochen noch einige Ausbildungsverträge hinzukommen dürften. Wichtig sei, den Jugendlichen verschiedene Karrieremöglichkeiten im Handwerk immer wieder aufzuzeigen und sie auch dort abzuholen, wo sie neben der Schule seien – etwa in den Sozialen Netzwerken, sagte Friedrich. Auch werde man die Berufsorientierung an Schulen, vor allem auch an Gymnasien, ausbauen.

Karrierechancen im Handwerk

Die Karrierechancen im Handwerk seien noch besser als in der akademischen Welt, auf die die Gymnasien zu stark ausgerichtet seien, sagte Friedrich. Die vom Handwerk geforderte Bildungswende hin zu mehr Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung sei noch nicht gelungen.

„Wir brauchen weder ständige Strukturänderungen noch mehr Fokus nur aufs Abi. Wichtig ist es, die allgemeinbildende Schule praxisnah und lebensweltorientiert auszugestalten, damit Schülerinnen und Schüler wissen, wo Erlerntes im Arbeitsleben angewandt werden kann und gebraucht wird“, sagte auch Rainer Reichhold, Präsident von Handwerk BW, dem Spitzenverband des Handwerks in Baden-Württemberg. Die Handwerkskammern in Baden-Württemberg konnten unterm Strich bislang 16 203 neue Ausbildungsverträge und damit 1,6 Prozent mehr abschließen als 2023 – ein Aufwärtstrend also.

Weniger Maurer-Azubis wegen schlechter Baukonjunktur

Der Rückgang in der Region Stuttgart hat nach Aussagen von Hauptgeschäftsführer Friedrich mehrere Ursachen. Im Großraum Stuttgart spiele „der sehr hohe Druck am Arbeitsmarkt und die Konkurrenz von Industrie und Hochschulen“ eine große Rolle, sagte er im Gespräch mit unserer Zeitung. Zudem gebe es jährliche zyklische Schwankungen zwischen den Kammern. Auch die schlechte Baukonjunktur schlage auf die Ausbildungszahlen in Baugewerken wie etwa Maurer oder Straßenbauer durch. „Unternehmen, die ums Überleben kämpfen oder Verluste schreiben, bilden weniger aus“, sagte er. Zwar seien die Zahlen noch nicht so dramatisch wie die Baukonjunktur selbst, sie bestätigten aber klar die wirtschaftliche Verschiebung vom Neubau hin zur Sanierung in der Region Stuttgart. „Ohne Neubau werden wir die Ziele beim Wohnungsbau nicht erreichen. Wir brauchen beides und daher auch die gut ausgebildeten Fachkräfte im Bauhandwerk“, sagte Friedrich.

Jo-Jo-Effekt bei Friseurinnen

Beim Beruf der Friseurin, der im vergangenen Jahr großen Zulauf hatte, machte sich 2024 ein „Jo-Jo-Effekt“ bemerkbar. Fast 30 Auszubildende weniger sind es in diesem Jahr in der Region Stuttgart. Viele Betriebe seien klein und stellten nicht jedes Jahr einen Azubi ein, ähnlich sei das auch bei Augenoptikern, so die Begründung.

Erfreulich dagegen ist laut Friedrich die Entwicklung im Lebensmittelhandwerk, wo es wieder mehr Bäcker- und Fachverkäufer-Azubis, nachdem dort in den letzten Jahren der Fachkräfte- und Nachwuchsmangel besonders spürbar war. Auch Klimaberufe bleiben hoch im Kurs. Zwar wollen 516 junge Menschen Kraftfahrzeugmechatroniker/-in werden, doch auf Platz zwei der Rangliste der zehn beliebtesten Ausbildungsberufe steht mit 410 Azubis unverändert der Anlagenmechaniker Sanitär- Heizungs- und Klimatechnik, auf Platz drei die Elektroniker der Fachrichtung Energie- und Gebäudetechnik mit 381 Azubis. Einen großen Zuwachs von 33 Prozent verzeichnen auch Zimmerer mit 141 neuen Ausbildungsverträgen. Für die Einhaltung der Klimaziele mit der Umsetzung der Energiewende sie dieser Nachwuchs dringend nötig, sagte Friedrich.

Die Zahlen der Handwerkskammer Region Stuttgart im Einzelnen: Im Stadtkreis Stuttgart gibt es 684 neue Azubi-Verträge (plus 0,9 Prozent), im Landkreis Böblingen 467 (minus 5,8 Prozent), Esslingen 664 (-1,5) Göppingen 406 (-1,0), Ludwigsburg 644 (-2,9) und Rems-Murr 641 (- 4,8 Prozent).

Auch die IHK Region Stuttgart legte erste Zahlen zu Ausbildungsverträgen (Handel, Industrie und Dienstleistungen) vor und rechnet mit mehr als 8500 Neuverträgen bis zum 1. September – ein Aufwärtstrend im dritten Jahr in Folge. Bis 28. August waren es 8403 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge (plus 3,5 Prozent).

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