Ausbildungsstart in Baden-Württemberg Handwerk kritisiert Schulen und Politik

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Mehr junge Menschen im Land entscheiden sich für eine duale Berufsausbildung. Dabei legen die Handwerker stärker zu als die Bereiche Industrie, Handel und Dienstleistungen. Viele Betriebe beklagen fehlende Ausbildungsreife von Bewerbern und Bürokratie.

Bei Schweißarbeiten ist Disziplin gefragt. Doch viele Betriebe beklagen einen zunehmenden Mangel an Disziplin, Belastbarkeit und Motivation bei ihren Azubis. Foto: dpa
Bei Schweißarbeiten ist Disziplin gefragt. Doch viele Betriebe beklagen einen zunehmenden Mangel an Disziplin, Belastbarkeit und Motivation bei ihren Azubis. Foto: dpa

Stuttgart - Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im Südwesten steigt weiter. Wie der Baden-Württembergische Industrie- und Handelskammertag (BWIHK) am Freitag bekannt gab, starten in diesen Tagen 40 650 junge Männer und Frauen eine Ausbildung in einem der IHK-Berufe. Das ist der dritte Anstieg in Folge, auch wenn er deutlich geringer als in den Vorjahren ausfällt: So wurden 58 Verträge oder 0,1 Prozent mehr neue Lehrverträge eingetragen als zum gleichen Zeitpunkt 2016.

„Dass die Zahl stabil bleibt, ist positiv und war nicht unbedingt zu erwarten“, erklärte Marjoke Breuning, Präsidentin der IHK Region Stuttgart, die für Ausbildung im BWIHK federführend ist. „Man muss bedenken: Der Ausbildungsmarkt ist weiterhin ein Bewerbermarkt“, so Breuning. Es sei vor allem für kleine Betriebe eine große Herausforderung, Lehrstellen zu besetzen. Im Schnitt kommen nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) 87 Bewerber auf 100 freie Lehrstellen im Land. Die IHK hat 1900 Industrie-, Handels- und Dienstleistungsbetriebe aktuell zu dem Thema befragt: Dabei gaben 25 Prozent der Unternehmen – fünf Prozent mehr als im Vorjahr – an, nicht alle angebotenen Lehrstellen besetzen zu können, weil keine Bewerbungen vorlagen.

Das Handwerk verzeichnet ebenfalls steigende Lehrlingszahlen: Die acht Handwerkskammern im Land zählten bis zum Ferienstart 13 400 neue Ausbildungsverträge, und damit drei Prozent mehr als zum gleichen Zeitpunkt 2016. Der Präsident des Baden-Württembergischen Handwerkstags (BWHT), Rainer Reichhold, rechnet damit, dass diese Zahl bis zum Ende des Jahres noch auf 20 000 ansteigen wird.

Immer mehr Azubis fehlen Mathe- und Deutschkenntnisse

Trotz des positiven Trends ist Reichhold um die duale Ausbildung besorgt: Immer mehr Azubis würden die für eine erfolgreiche Ausbildung nötigen Mathematik- und Deutschkenntnisse vermissen lassen: „Ein Betrieb muss davon ausgehen können, dass Schulabsolventen über benötigte Kompetenzen verfügen“, so der Landeshandwerkspräsident. „Leider gibt die Schule, im Gegensatz zu einem Handwerksbetrieb, auf ihre Leistung keine Gewähr.“

Auch Industrie-, Handels- und Dienstleistungsbetriebe beklagen zunehmende Mängel bei der Ausbildungsreife. So nannten in der IHK-Umfrage 61 Prozent der befragten Unternehmen das mündliche und schriftliche Ausdrucksvermögen als größtes Defizit. Danach folgen Leistungsbereitschaft und Motivation (58 Prozent), Belastbarkeit (53), Disziplin (52) sowie elementare Rechenfertigkeiten (48). Diese Werte liegen laut IHK auf dem höchsten Niveau seit Beginn der regelmäßigen Befragungen 2013.

Eine Gruppe, in deren Ausbildungsreife noch viel Zeit und Unterstützung investiert werden muss, denen es aber offenbar nicht an Motivation mangelt, sind die Flüchtlinge: Nach IHK-Angaben haben Geflüchtete 2016 unterdurchschnittlich oft eine begonnene Lehre abgebrochen. Die Abbruchquote in dieser Gruppe lag bei 17 Prozent, bei allen Auszubildenden erreichte sie 20,5 Prozent.

Bei der Integration von Geflüchteten leiste das Handwerk einen großen Beitrag, so Reichhold. Der Landeshandwerkspräsident geht davon aus, dass sich im neuen Ausbildungsjahr insgesamt 1300 Personen aus den acht Hauptherkunftsländern und Gambia in einer handwerklichen Ausbildung befinden. Viele Betriebe beklagten allerdings die „ausufernde Bürokratie“ sowie „unklare Aussagen der Behörden“. Aus Sicht der Unternehmen habe das Integrationsgesetz nicht die versprochene Rechtssicherheit gebracht – ohne diese sei jedoch zu befürchten, dass die Bereitschaft zur Ausbildung von Geflüchteten nachlässt. „Es braucht eine klare Ansage: Wer in Ausbildung ist, wird nicht abgeschoben“, fordert Reichhold.

2700 Geflüchtete sind in einer dualen Ausbildung

Im IHK-Bereich nehmen zum Start des Lehrjahres knapp 1000 Geflüchtete eine Ausbildung auf; insgesamt befinden sich damit rund 1400 in einer Lehre, die meisten stammen aus Syrien (369), Afghanistan (350), Gambia (218) und dem Irak (124).

Insgesamt stehen nach BA-Angaben momentan 12 500 Bewerber noch ohne Lehrstelle da, während noch 21 100 Ausbildungsstellen unbesetzt sind. „Wir erwarten bis Ende September, dass noch mindestens 10 000 junge Menschen in Ausbildung vermittelt werden“, sagte BA-Regionalchef Christian Rauch. „Trotzdem bleiben nicht wenige junge Menschen ohne Ausbildungsplatz, obwohl sie gutes Potenzial haben“, so Rauch.

In den vergangenen fünf Jahren ist sowohl die Zahl der Bewerber als auch die der gemeldeten Stellen kontinuierlich gestiegen. Weil der Zuwachs bei den gemeldeten Stellen mit 6500 seit 2012 deutlich höher ausfällt als bei den Bewerbern (plus 1500), öffnet sich die Schere immer weiter. „Deshalb müssen Arbeitgeber bei der Auswahl ihrer künftigen Auszubildenden künftig neue Wege gehen“, appelliert Rauch an die Betriebe.