Ausbreitung invasiver Ameise Tapinoma magnum unterhöhlt Gärten in Hessigheim: „Wir werden wahnsinnig“

Sophia Schäfer (links) und Heidi Veigel kämpfen seit zwei Jahren gegen die Ameisen-Kolonien – in dem Steingarten hinter ihnen wächst durch die Tapinoma magnum nichts mehr. Foto: Simon Granville

In Hessigheim (Kreis Ludwigsburg) verzweifeln Bewohner an invasiven Ameisen. Dabei geht es längst nicht mehr nur um den Zustand der Häuser – sondern auch um ihr Wohlbefinden.

Ludwigsburg : Anna-Sophie Kächele (ask)

Vor kurzem hat Sophia Schäfer geträumt, dass es unter ihrer Tapete krabbelt: Es seien so viele Ameisen gewesen, dass die Wand ganz schwarz war. Die Deutung dieses Traums könnte nicht naheliegender sein. Seit zwei Jahren belagern Ameisen der invasiven Art Tapinoma magnum die Gärten von Sophia Schäfer und ihrer Nachbarin Heidi Veigel.

 

Ungefähr an Weihnachten haben die Insekten das erste Mal ihren Weg in die Häuser gefunden. In diesem Sommer sind die Nachbarinnen täglich damit beschäftigt, mit heißem Wasser und Essigessenz zu gießen. Dabei geht es um nicht weniger als den Zustand ihrer Häuser, Gärten – und um ihr Wohlbefinden.

Absterbende Gärten durchTapinoma magnum

Heidi Veigel steht vor ihrem Haus, in der Hand hält sie einen kleinen Ast, mit dem sie probeweise in die trockene Erde sticht. Es dauert nur wenige Sekunden, bis ersichtlich wird, warum in dem Steingarten nichts mehr wächst. Aus dem Loch strömen unzählige schwarze, unterschiedlich große Ameisen. Die Tapinoma magnum bildet sogenannte Superkolonien. Anders als andere Ameisen-Arten haben Tapinoma magnum mehrere fortpflanzungsfähigen Königinnen – die Ausbreitung zu stoppen, ist dementsprechend schwierig. Ihr weitverzweigtes Netzwerk unterhöhlt Spielplätze, Terrassen und Gärten. Andere Ameisenarten, die wichtig für das Ökosystem sind, überleben die Ausbreitung der Tapinoma magnum nicht. „Die dulden nichts anderes, kein Regenwurm, keine Schnecke, keine Wespe – die werden bei lebendigem Leib gefressen“, sagt Schäfer.

Die Tapina magnum ist unterschiedlich groß – jede Ameise hat ihre Aufgabe. Foto: Simon Granville

Sophia Schäfer hat es mit Kaffee, Zimt und Nelke versucht, Heidi Veigel stopft vor der Arbeit in Essig getränkte Tücher in die Ecken ihres Fensterbretts in der Küche: „Aber wir verschieben die Spur nur ein paar Zentimeter oder verdrängen sie kurzzeitig“, sagt Veigel. Hunderte Euro bei Obi und Literweise Essigessenz später haben sie noch keinen Weg gefunden, die rasante Ausbreitung zu stoppen. Beide Frauen haben schöne Terrassen, auf denen sie den Sommer genießen könnten – „wir haben dieses Jahr ein Mal draußen gegrillt“, sagt Veigel. Wer die Füße auf den Boden oder Essbares auf den Tisch stellt, wird in kürzester Zeit belagert. Die Bisse der Ameise sind zwar ungefährlich, aber schmerzhaft.

Mehrspurige Ameisen-Bahnen in die Küche

Sophia Schäfer hat den Sandkasten ihrer dreijährigen Tochter abgebaut, Heidi Veigel den Hasenstall. Vor kurzem habe ihr Mann eine Spezi getrunken, die leere Flasche hätten sie in der Küche auf dem Boden stehen gehabt, bis der nächste sie in den Keller trägt. „Als ich von der Arbeit kam, lief eine vierspurige Ameisen-Autobahn von der Terrassentüre im Wohnzimmer durch das Esszimmer in die Küche bis in die Flasche rein“, berichtet Veigel. Einmal habe ihre Tochter für einen Tag eine Banane in ihrem Schulranzen vergessen – die Ameisen hätten sich ihren Weg in das Zimmer durch den Reißverschluss gesucht.

Im Interview mit unserer Zeitung sagt der Ameisenforscher Manfred Verhaagh: „Es ist für einige eine extreme emotionale Belastung, weil man sich fühlt, als lebe man auf einem Ameisenhaufen.“ Das können Heidi Veigel und Sophia Schäfer nur bestätigen. Sophia Schäfer dreht jeden Abend eine Runde durch den Garten, um rechtzeitig verhindern zu können, dass die Ameisen in das Haus kommen. Heidi Veigel erzählt, sie würde nachts wenn sie auf die Toilette geht, in der Küche schauen, ob Ameisen über die Arbeitsplatte laufen. „Das macht uns wahnsinnig, man wird paranoid“, sagt Sophia Schäfer.

Schaden an den Häusern

Ihre große Sorge: dass die Ameisen einen Schaden am Haus anrichten, auf dem sie finanziell sitzen bleiben. Sophia Schäfer zeigt auf die Styropor-Kügelchen, die neben dem Haus liegen, Heidi Veigel auf eine Stelle an ihrer Hauswand, an der Putz fehlt. „Das zahlt keine Versicherung“, sagt Sophia Schäfer. Die zwei Frauen haben nun Ameisen an das Naturkundemuseum Stuttgart geschickt. Dort wird die Art sicher bestimmt und an der Ausbreitung geforscht.

Hier stand einmal ein Hasenstall – doch selbst Kohlrabi-Blätter waren vor den Ameisen nicht sicher. Unter den Steinen finden sich Nester. Foto: Simon Granville

Auch Bürgermeister Günther Pilz hat sich einen Eindruck vor Ort verschafft und sich mit mehreren Bewohnern der Straße unterhalten. Hessigheim hat im Anschluss mit sechs betroffenen Kommunen Kontakt aufgenommen. „Wir stellen jetzt Maßnahmen zusammen und versuchen, zwei bis drei festzuzurren, die aus unserer Sicht sinnvoll und schnell umsetzbar sind“, sagt Pilz. Außerdem plant er, über das Mitteilungsblatt der Gemeinde herauszufinden, ob weitere Hessigheimer betroffen sind und Hilfestellung zu liefern. „Ich habe aber die Befürchtung – und das hat sich auch in Gesprächen mit anderen Kommunen gezeigt – dass es hundertprozentig nicht in den Griff zu bekommen ist“, sagt Pilz. Auch wenn es saisonal besser werde, bleibe es wohl eine Daueraufgabe.

Tapinoma magnum

Erkennung
Die Tapinoma magnum ist komplett schwarz gefärbt, ohne bräunliche Färbung an einzelnen Körperteilen. Reizt man eine Ameise, verströmt sie einen unvergleichlichen Geruch, der von Betroffenen als modrig oder an Menthol erinnernd beschrieben wird. Andere Ameisen stellen keine Bedrohung für Haus und Garten dar, sondern sind ein wichtiger Bestandteil unseres Ökosystems.

Verhalten
Im Sommer bildet diese Ameisenart teils breite, mehrspurige Ameisenstraßen. Auffällig ist der Auswurf von Erdreich um die Nesteingänge herum. Dieser Art macht weder die Hitze noch die Kälte was aus. Eine Hypothese ihrer Ausbreitung: Die Ameisen werden in der Erde mediterraner Gartenpflanzen transportiert.

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