Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano „Wir leben trotzdem!“

Die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano zog die Zuhörer in ihren Bann. Foto: STZN/Jan Sellner
Die Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano zog die Zuhörer in ihren Bann. Foto: STZN/Jan Sellner

In Bad Cannstatt ist am Samstagabend der Opfer der Pogromnacht vom 9. November 1938 gedacht worden. Besonders bewegend: der Auftritt der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano.

Lokales: Jan Sellner (jan)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - „Wir leben trotzdem. Wir sind da!“, sagt Esther Bejarano bei ihrem Auftritt am Samstagabend im Rathaus von Bad Cannstatt und unterstreicht diesen Satz mit einer kraftvollen Armbewegung. Sie lebt trotzdem - und wie! Zwei Stunden lang zieht die 94-Jährige das Publikum im vollbesetzten Rathaussaal in ihren Bann - lesend, erzählend und singend. Gemeinsam mit ihrem Sohn Joram und Kutlu Yurtseven von der Kölner Rap-Band Microphone Mafia steht sie für lebendiges Gedenken. Seit 2007 treten sie gemeinsam auf, um rechtsextremen Entwicklungen in der Gesellschaft entgegen zu treten.

Die 1924 in Saarlouis geborene Jüdin war 1943 nach Auschwitz deportiert worden. Ihre Geschichte hat sie in dem Buch „Erinnerungen - vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen rechts“ aufgeschrieben.

Besonders berührend an ihrem Auftritt in Bad Cannstatt: 81 Jahre nach der Reichspogromnacht singt Esther Bejarano mit glockenheller Stimme das Lied, dem sie die Aufnahme in das Mädchenorchester von Auschwitz und damit, wie sie sagt, ihr Überleben im Vernichtungslager verdankt: den Schlager Bel Ami. Nach ihrer Ankunft in Auschwitz hatte sie zunächst körperliche Schwerstarbeit verrichten müssen. Durch den Wechsel ins Lagerorchester war sie davon freigestellt worden.

Musik, um das Erlebte zu verarbeiten

Musik ist für Esther Bejarano ein Medium, um das Erlebte zu verarbeiten und ihren Appell für Menschlichkeit, Wahrheitsliebe und Freiheit zu verbreiten. Mit Blick auf aktuelle Entwicklungen und den aufkeimenden Rassismus warnt Rapper Kutlu Yurtseven an diesem Abend in Bad Cannstatt: „Wenn wir nicht irgendwann unser Schweigen brechen, dann wird uns dieses Schweigen erschlagen.“

Vorausgegangen war eine Gedenkveranstaltung am Platz der in der Reichspogromnacht von den Nazis niedergebrannten Synagoge in der König-Karl-Straße, veranstaltet vom Bündnis zum Gedenken an die Opfer der Pogromnacht in Cannstatt mit mehreren Hundert Teilnehmern.




Unsere Empfehlung für Sie