Ausgezeichnete Gebäude Aus der (Platz-)Not eine Tugend gemacht

Die große, über Eck gezogene Fensterfront und das asymmetrische Satteldach geben dem Haus ein eigenes  Gesicht. Foto: Michael Steinert 6 Bilder
Die große, über Eck gezogene Fensterfront und das asymmetrische Satteldach geben dem Haus ein eigenes Gesicht. Foto: Michael Steinert

In der eher bieder daherkommenden Einfamilienhaus-Umgebung in Esslingen-Liebersbronn setzt das Haus S 34 ein dickes Ausrufezeichen. Das ist der Jury diverser Architekturpreise nicht verborgen geblieben.

Esslingen: Thomas Schorradt (adt)
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Esslingen - Zugegeben, die Frage an die Bauherrin könnte auch als zweideutig missverstanden werden. Würde sie denn den gleichen Architekten noch einmal nehmen? Die Antwort ist eindeutig und unmissverständlich. „Ja“, sagt Linda Schneck im Brustton der Überzeugung. „Als Architekt und als Mann.“

Bleiben wir beim Architekten. Bei Dietmar Schneck, der mit dem Haus S 34 in Esslingen-Liebersbronn ein weithin sichtbares Ausrufezeichen gesetzt hat. Hugo-Häring-Auszeichnung, Bauherren-Preis Esslingen, Aufnahme in den Katalog „Ausgezeichnetes Bauen“ der Architektenkammer Baden-Württemberg und in die Liste der besten 50 Einfamilienhäuser Deutschlands, Österreichs und der Schweiz – das ist viel Lorbeer für ein Haus, das gerade mal sechs Meter breit ist.

Warum? Das kann man nachlesen – in nüchternem Architektendeutsch der jeweiligen Fachjury, in dem häufig die Rede ist von der skulpturalen Wirkung des Hauses. Oder in dicken Büchern wie „Häuser des Jahres“ vom Callwey-Verlag, in „Wohnen. Hochwertige Raumkonzepte“ des Deutschen Architekturverlags oder in „Living in Wood“, herausgegeben vom Schweizer Braun-Verlag. Oder man fragt ganz einfach die, die seit vier Jahren darin wohnen.

Das Haus erwacht in der Abendsonne zum Leben

„Das muss man erlebt haben. Die Abendsonne bringt das Haus und seine Wände richtig zum Leuchten“, schwärmt Linda Schneck. Die Wände sind aus Beton – brettverschaltem Sichtbeton. Doch das so nüchtern daherkommende Material wirkt im Zusammenspiel mit dem je nach Tageszeit unterschiedlich einfallenden Licht lebendiger als jede Tapete oder Bilderwand. Verstärkt wird der Effekt durch den warmen Boden aus hell pigmentierter Eiche, der direkt in die Wandflächen hinüberzufließen scheint.

Die fließenden Übergänge bewirken, dass das Haus im Innern viel großzügiger erscheint, als es der Grundriss mit seiner Breite von nur sechs Metern erwarten lässt. „Das Baufenster hat nicht mehr hergegeben“, sagt Dietmar Schneck, der aus der Not eine Tugend machen musste. Von dem Verzicht auf ausufernde Räume gewinnt der bewusst zurückhaltend gestaltete Garten, der über eine großzügige Freitreppe erschlossen wird. Gesteigert wird das Raumgefühl noch von der großen Übereck-Verglasung, die den Außenbereich ins Haus hereinholt – aber auch des Hauses Inners­tes nach außen kehrt.

„Es hat etwas nachgelassen. Aber das muss man aushalten können“, antwortet die Hausherrin, auf die Frage, wie es sich denn auf dem Präsentierteller lebt. Es gibt kaum einen Spaziergänger, der angesichts des ungewöhnlichen, wie aus einem Guss geformten Baukörpers mit dem asymmetrischen Satteldach und der Haut aus Lärchenholz nicht stehen bleibt. „Die dann auch noch das Smartphone oder den Fotoapparat zücken, sind meist Kollegen“, sagt Dietmar Schneck. Die Hausherren erfahren von den Passanten viel Zuspruch, aber auch Ablehnung. „Es gibt Leute, die können damit nichts anfangen“, sagt der Architekt.

Eine Ankleide aus Beton steht wie ein Monolith im Schlafzimmer

Es gibt sicherlich auch Leute, die, wenn sie ins Haus hineingebeten würden, mit einer geschlossenen, vollständig aus Edelstahl gefertigten Treppe nichts anfangen könnten. Oder erst recht nicht mit einer Ankleide aus Beton, die wie ein kubistischer Monolith im Schlafzimmer steht. Vielleicht eher schon mit der Dachterrasse, die mit Lärchenholzläden komplett geöffnet und geschlossen werden kann und das Schlafzimmer, im Obergeschoss vor neugierigen Blicken geschützt, dem Nachthimmel näher bringt.

Dafür haben die (Fach-)Leute umso mehr mit dem Gesamtensemble anfangen können. „Auf die Hugo- Häring-Auszeichnung bin ich besonders stolz“, sagt Dietmar Schneck, denn in den Augen dieser Jury muss ein Haus nicht nur auffällig, sondern auch von architektonischer Qualität sein. Die Proportionen müssen stimmen, die Materialien, die Funktion und nicht zuletzt auch die Detaillösungen.

„Die Mehrzahl will das Gewohnte“

Dietmar Schneck wollte mit dem Haus für seine Frau und für sich von Beginn an etwas Besonderes schaffen. „Als Architekt bist du nicht in der Lage, ein solches Haus zu bauen, wenn der Bauherr die Architektursprache nicht versteht. Die Mehrzahl will das Gewohnte“, sagt er. Die Leute müssten im Idealfall 30 Jahre in dem Gebäude leben, „denen kann man nicht jedes Haus aufs Auge drücken“, sagt Schneck. Immerhin aber habe er seine Kundschaft auch schon für Teillösungen, wie etwa die Stahltreppe, begeistern können.

Linda Schneck, die im Architekturbüro ihres Mannes für die Abrechnungen zuständig zeichnet, ist von dem gesamten Paket – Haus, Architekt, Mann – begeistert. Nur auf die Frage, ob das Schmuckstück denn auch verkäuflich sei, gehen die Ansichten der beiden leicht auseinander. „Kommt auf den Preis an“, sagt der Architekt. „Nein“, sagt die Frau – wieder im Brustton der Überzeugung. Die Rechnung für S 34 ist eine Rechnung, die sie nie schreiben wird.

Architekturstudium an der Kunstakademie Stuttgart

Haus
Die Fachwelt ist voll des Lobes über den Entwurf, der einerseits wie aus einem Guss erscheint, andererseits mit pfiffigen Detaillösungen aufwartet. So urteilten die Autoren des Deutschen Architektur-Verlags noch vor dem Ritterschlag durch die Hugo-Häring-Jury: „Durch die umlaufende Brettschalung wird die traditionelle Dachausformung bei dem Entwurf pointiert verfremdet und lässt eine einheitliche, monolithische Gebäudekubatur entstehen. Hinter gelochten, flächenbündig gesetzten Faltschiebeläden verbergen sich im Dachgeschoss diverse Fensteröffnungen sowie eine eingesetzte Loggia. Im Innenraum entstehen durch die transparent strukturierte Fassade spannende Lichtreflexe, die eine orientalisch anmutende Wohnatmosphäre schaffen.“

Architekt
Dietmar Schneck hat sein Studium der Architektur und Innenarchitektur an der Kunstakademie Stuttgart im Jahr 1990 abgeschlossen. Nach freier Mitarbeit in verschiedenen Büros hat er sich selbstständig gemacht und beschäftigt in seinem Büro msm Architekten Innen Architekten in Esslingen mittlerweile 18 Mitarbeiter. Neben der Hugo-Häring-Auszeichnung hat msm unter anderem den Bauherrenpreis der Stadt Esslingen für den Umbau eines Geschäftshauses in der Bahnhofstraße und den Zweiten Deutschen Innenarchitekturpreis für den Umbau einer Kleinsporthalle in der Landessportschule Ruit in einen Seminarraum bekommen.




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