Ausgrabung in Stammheim Mittelalterlicher Müll liefert Erkenntnisse

Von Marta Popowska 

Archäologen finden Besiedlungsspuren neben dem Stammheimer Schloss, die wohl ins 10. Jahrhundert zurück reichen. Für die Ortsgeschichte sind die Funde bedeutend.

Der Archäologe Sascha Schmidt zeigt  die sackförmige Vorratsgrube, den an  dieser Stelle bislang ältesten Fund. Foto: Marta Popowska
Der Archäologe Sascha Schmidt zeigt die sackförmige Vorratsgrube, den an dieser Stelle bislang ältesten Fund. Foto: Marta Popowska

Stammheim - Die archäologische Fundstelle ist unscheinbar, ein paar Gruben hier, ein Mauerrest dort, dunkle Verfärbungen in der Erde. Doch für den Archäologen Sascha Schmidt ist das Begehen des Geländes vor dem Stammheimer Schloss eine Zeitreise durch die Jahrhunderte. Vor einigen Monaten haben Mitarbeiter des Landesdenkmalamtes bei Sondierungsgrabungen an der Kornwestheimer Straße Hinweise auf eine mittelalterliche Siedlung gefunden. Für den Bauherrn des geplanten Wohnhauses, das an dieser Stelle entstehen soll, bedeutete dies, dass auf dem Gelände vorerst nur Archäologen graben dürfen.

„Archäologen arbeiten datierungsmäßig mit Müll“, sagt Sascha Schmidt. Mit solchen Aussagen bringt er seine Zuhörer, die an diesem Donnerstagnachmittag an der Grabungsstelle seinen Ausführungen lauschen, zum Lachen. Doch Schmidt meint dies ernst. Wenn niemand etwas wegwegwerfen würde, wüssten Archäologen nicht, wie alt etwas ist. So sind die in den Boden reingetretenen Scherben im einstigen Stall ebenso hilfreich wie etwa die Keramikscherben und Tierknochen, die er und sein Team in der Vorratsgrube, dem an dieser Stelle bislang wohl ältesten Fund, entdeckt haben. „Sie könnten aus dem 10. Jahrhundert stammen“, schätzt Sascha Schmidt.

Hinweise auf Vorbesiedlung

Mit genauen Zeitangaben hält sich der Fachmann noch zurück, denn die Auswertungen werden erst gemacht, wenn die Grabungen vollends abgeschlossen sind. „Aufgegebene Gruben aller Art werden häufig mit Hausabfällen verfüllt, so vermutlich auch hier“, sagt er jedoch zu der Grube, die älter als die einstige Burg sein wird. Zu den jüngeren Funden gehört etwa der Burggraben mit einer gut erhaltenen Stützmauer. Denn im späten 12. Jahrhundert stand an der Stelle, wo heute das Schloss ist, eine Wasserburg.

„Die Ausgrabung ist hoch spannend, weil die Anlage selber erst im 12. Jahrhundert erwähnt wird“, sagt Jonathan Scheschkewitz vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart. Laut dem stellvertretenden Referatsleiter des Bereichs Mittelalter- und Neuzeitarchäologie deuten die Funde darauf hin, dass eine Vorbesiedlung vielleicht bereits im 10. Jahrhundert bestanden hat. „Man kann zwar die Burg nicht zurückdatieren, aber so haben wir eine alte Siedlung erfasst.“ Zwar seien die Funde keine Sensation, doch für die Ortsgeschichte seien sie allemal bedeutend.

Für Bauherrn sind die Kosten der Ausgrabung ein Ärgernis

Beim Gang über die Baustelle sind auch die Bauherren der Firma Paulus Wohnbau sowie die Architekten Frey des künftig hier stehenden Wohnhauses dabei. „Wir hatten nicht mit Funden gerechnet. Das ist unser erstes Bauvorhaben, bei dem so ein Fall eingetreten ist“, sagt Marcus Tröbs, Projektleiter bei Paulus Wohnbau.

Das Neubauvorhaben an der Ecke Kornwestheimer/Korntaler Straße ist ein „Wohnprojekt mit sozialem Charakter“. Neben sieben betreuten Seniorenwohnungen, die von der Stiftung Evangelische Altenheimat gekauft wurden, will die Stiftung Nikolauspflege im Haus Wohngemeinschaften für Sehbehinderte einrichten. Im Untergeschoss des Neubaus ist eine Tiefgarage geplant. Aufgrund der Ausgrabungen habe sich das Projekt um rund sieben Wochen verzögert.

„Uns ärgert, dass wir als Bauträger auf den Kosten sitzen bleiben“, sagt Tröbs. Denn die gesetzliche Regelung sieht nicht nur vor, dass das Unternehmen für die archäologischen Arbeiten selbst eine Spezialfirma suchen und beauftragen muss, sondern auch die Kosten dafür trägt. „Unsere Baukosten haben sich damit verteuert“, erklärt Tröbs. Genau lassen diese sich erst am Ende beziffern, doch der Einsatz der Spezialisten schlage mit circa 100 000 Euro zu Buche. „Wir schätzen die Gesamtkosten derzeit auf 6,8 Millionen Euro, da aber noch nicht alle Arbeiten vergeben sind, kann man das noch nicht genau sagen“, so Tröbs.

Eigentümer hat eine Erhaltungspflicht

Jonathan Scheschkewitz erklärt die Regelung wie folgt: „Es ist ein Kulturdenkmal. Man kann es wie ein Bodenarchiv betrachten, das genauso wichtig ist, wie ein Schriftarchiv. Das stellt ja auch niemand infrage.“ Und der Eigentümer habe eine Erhaltungspflicht. „Es wird nach dem Verursacherprinzip verfahren: Der Bauherr bezahlt, weil er es zerstört“, fügt er hinzu. Denn genau dies finde statt, wenn ausgegraben und die Gruben anschließend verfüllt würden.

Ein Teil der Funde wird mitgenommen, der Denkmalpflege übergeben und archiviert. Die Archäologen graben jedoch nur bis zum Sole-Niveau der geplanten Tiefgarage. Sollte weiter unten im Boden noch etwas liegen, werden sich spätere Generationen damit beschäftigen.

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