Ausgrabungen bei Stuttgart 21 Hochwasserschutz im 17. Jahrhundert

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Wenn man in seinen hohen Gummistiefeln tief einsinkt ins Erdreich, wird erlebbar, was dieses Areal früher schon war: ein Überschwemmungsgebiet des Nesenbachs. Wo künftig der Hauptbahnhof steht haben Experten die Überreste eines aufwendig errichteten Kanals aus der Barockzeit gefunden.

Eine massive Kanalmauer sollte gegen Hochwasser schützen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko 13 Bilder
Eine massive Kanalmauer sollte gegen Hochwasser schützen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Es gibt beileibe günstigere Jahreszeiten und passenderes Wetter, um in den Tiefen des Nesenbachtals nach Überbleibseln früherer Zeiten zu buddeln. Der Boden ist nass und schwer in der Stuttgart-21-Baustelle, an der Oberfläche der Baugrube mit den Ziffern 18 bis 20 stehen große Pfützen. Immer wieder muss Wasser abgepumpt werden für die laufenden Ausgrabungen. „Das Gelände ist zurzeit sehr anspruchsvoll“, sagt Grabungstechnikerin Hannah Witte zurückhaltend.

Doch die aktuellen Verhältnisse in diesem Bauabschnitt beim Hauptbahnhof haben auch ihr Gutes. Wenn man in seinen hohen Gummistiefeln tief einsinkt ins Erdreich, das man nur schwer wieder herauskommt, wird erlebbar, was dieses Areal früher schon war: ein immer wieder von Überschwemmungen des Nesenbachs heimgesuchtes Feuchtgebiet. Kein Wunder, dass die Mitarbeiter des Landesamts für Denkmalpflege gerade hier, am Südende der künftigen Bahnsteighalle unweit des Planetariums, die Überreste eines aufwendig errichteten Kanals aus der Barockzeit gefunden haben. Die etwa einen Meter dicken Bruchsteinmauern aus dem in der Gegend verbreiteten Schilfsandstein ruhen auf mächtigen Holzbohlen. „Die Mauer hat einen Unterbau aus Holz, dass sie nicht im Boden versinkt“, erklärt Michael Lingnan, auch er ist Grabungstechniker beim Landesdenkmalamt.

Der feuchte Grund hilft den Forschern

Dass die Holzbalken und mit ihnen auch diverse Pfähle, die auf dem Gelände ein wenig aus dem Boden ragen, noch in so einem guten Zustand sind, hat ebenfalls mit dem feuchten Grund zutun. Das erleichtert den Foschern die Bestimmung ihrer Funde ungemein. Auf „Mitte des 17. Jahrhunderts“ schätzt Hannah Witte die Entstehungszeit der Kanalmauer. Bei der Auswertung der Grabungsergebnisse wird sich diese Annahme anhand der Jahresringe der Holzbohlen recht genau belegen oder widerlegen lassen. Man wird auch sagen können, ob der Fund tatsächlich die Umsetzung von Plänen Heinrich Schickhardts ist, des berühmten Hofbaumeisters der Hochrenaissance im Herzogtum Württemberg.

Jedenfalls diente der Kanal als Mittel gegen das im Nesenbach relativ häufig vorkommende Hochwasser. Man wollte die Feuchtwiesen vor den Toren der Stadt, die damals bis etwa zur heutigen Oper reichte, „trocken halten“, sagt Andreas Thiel, der für Stuttgart zuständige Oberkonservator beim Landesamt für Denkmalpflege. Vielleicht auch, denkt sich Thiel, „weil die feine Gesellschaft keine nassen Füße bekommen wollte“, wenn sie auf den Wiesen vor der Stadt Pall Mall spielte. Bei dem auch Paille-Maille genannten Ballspiel wird ähnlich dem späteren Croquet oder dem heutigen Swingolf ein Holzball mit einem Schläger gespielt. „Holzhammer-Ball“, so die wörtliche Übersetzung, verbreitete sich im 17. Jahrhundert auch in Deutschland.

Viele Alltagsgegenstände wurden auch gefunden

Aber es gibt auf dem Gelände noch einige andere Kanäle, etwa ein kleinerer aus der Renaissancezeit, die dort im Lauf der Jahrhunderte in verschiedenen Schichten angelegt worden sind und die sich die Archäologen genauer anschauen werden. Bis hin zu den Resten der Wasserführung, die Nikolaus von Thouret, der seit dem Jahr 1800 herzoglicher Hofbaumeister war, im Zuge der Planungen für die königlichen Gartenanlagen zwischen dem Neuen Schloss und der Cannstatter Straße Anfang des 19. Jahrhunderts hat erbauen lassen.

Nicht zu vergessen aber ist dabei die überaus große Zahl an Funden von Alltagsgegenständen wie Tonscherben, die etwa von Kacheln, Kannen oder Bechern stammen, oder Hornzapfen von Rindern. Dies alles und noch viel mehr warfen die damaligen Stuttgarter nämlich einfach so als Abfall in den Nesenbach, in dessen Strom der Müll weggespült wurde und auf dessen Grund er sich dann irgendwann absetzte. Das natürliche, kiesiges Bett des Nesenbachs kann man auf dem Grabungsfeld als ein etwa fünf Meter breites graues Band neben dem Kanal im sonst braunen Erdreich drumherum erkennen. Der sich durch die früheren Feuchtwiesen schlängelnde und sich von Zeit zu Zeit ein neues Bachbett suchende Nesenbach war sehr lange eine Art Cloaca Maxima des alten Stuttgart. „Der Nesenbach hat ja immer zum Himmel gestunken“, weiß Hannah Witte aus historische Dokumenten.

Die aktuelle Grabung, die erst vor einer Woche begonnen hat, soll insgesamt vier Monate dauern. Die eher knapp bemessene Zeit ist abgestimmt auf den Bauablauf der Bahn. Sie wurde erst möglich nach der Beseitigung der bisher in dem Bereich verlaufenden Fuß- und Radwegrampe. Fünf Mitarbeiter sind teils mit schwerem Geräte im Einsatz. Die Kosten, welche die Bahn trägt, sind mit etwa 300 000 Euro veranschlagt.

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