Ausgrabungen in Murrhardt Botanische Funde aus dem Hochmittelalter
Bei Ausgrabungen am Kloster in Murrhardt wurde ein verlandeter Wassergraben entdeckt. Archäobotaniker haben im Labor mehr als 3000 Pflanzenreste ausgelesen.
Bei Ausgrabungen am Kloster in Murrhardt wurde ein verlandeter Wassergraben entdeckt. Archäobotaniker haben im Labor mehr als 3000 Pflanzenreste ausgelesen.
Welche Pflanzen wuchsen im Hochmittelalter rund um das ehemalige Benediktinerkloster in Murrhardt? Das Landesamt für Denkmalpflege (LAD) im Regierungspräsidium Stuttgart hat zahlreiche Proben untersucht, die bei archäologischen Grabungen auf einem Grundstück in der Helfergasse genommen wurden. Jetzt liegen die Ergebnisse der Pflanzenanalyse vor.
„In Murrhardt ist die gesamte historische Innenstadt Denkmalfläche – wenn dort baulich in den Boden eingegriffen wird, werden wir hinzugerufen, um die Bauarbeiten archäologisch zu begleiten“, sagt Reinhold Feigel, seit 2008 ehrenamtlich Beauftragter des LAD. In enger Zusammenarbeit mit dem Amt führt der 77-Jährige, teilweise zusammen mit anderen ehrenamtlichen Beauftragten oder im Rahmen von Maßnahmen des LAD, Sondierungen, Notbergungen und Ausgrabungen durch.
Um 2022 standen in der Altstadt von Murrhardt am Gebäudekomplex des ehemaligen Gasthauses Rose Um- und Anbauten an. Für das neu zu errichtende Haus in der Helfergasse musste ein Fundamentgraben bis auf den gewachsenen tragfähigen Boden (Schwemmkies) ausgehoben werden. „Das Gebäude war nicht unterkellert, sodass wir dort noch die ursprünglichen Erdschichten vorgefunden haben.“ Als das Material mit einem kleinen Bagger ausgehoben wurde, zeigte sich der untere Bereich eines mit schwarzem zähen Lehm verfüllten Spitzgrabens parallel zur ehemaligen Klosterummauerung. Dieser hatte ursprünglich eine Breite von ungefähr 6,8 Metern und eine Tiefe von 2,8 Metern.
„Im feuchten Milieu hat sich unter anaeroben, das heißt unter sauerstoffarmen Bedingungen organisches Material in großer Menge in der Grabenverfüllung erhalten, daher die schwarze Farbe“, erläutert Feigel und beschreibt den modrigen Geruch, der typisch sei für die noch erhaltenen Pflanzenreste. Manche Fasern seien mit bloßem Auge erkennbar gewesen. Mehrere Eimer voll Material wurden ins Labor gebracht und genauer unter die Lupe genommen. Durch Sieben, Schlämmen oder Flotation trennten die Fachleute die organischen Bestandteile vom mineralischen Bodenmaterial. Danach wurden die organischen Teile unter einem Stereomikroskop untersucht und die bestimmbaren Pflanzenreste ausgelesen.
„Inzwischen wissen wir, was so alles zur Zeit der Aufgabe des Grabens im umliegenden Kloster- beziehungsweise Siedlungsareal wuchs oder als Nutzpflanze eingetragen wurde. Aus den Bodenproben konnten die Kolleginnen und Kollegen vom Labor für Archäobotanik unter der Leitung von Elena Marinova-Wolff über 3000 Pflanzenreste auslesen. 107 verschiedene Arten konnten bestimmt werden, davon acht Kulturpflanzen und 99 Wildpflanzen“, sagt Feigel.
135 Reste von Kulturpflanzen waren bestimmbar, dabei Getreidearten wie Weizen, Rispenhirse, Roggen, Dinkel und Emmer, meist Druschreste. Weiter sind Schlafmohn, Lein und Petersilie vorhanden.
Zudem sind Pflanzenreste der Brachen-, Acker- und Grünlandvegetation, der Laubwälder und Gebüsche vertreten. „Sicher gesammelt wurden Haselnuss, Beeren und Erdbeeren. Als häufigste Brachenpflanze kam Beifuß vor, der auch als Gewürz oder Heilpflanze Verwendung finden konnte“, so Feigel, „gleiches gilt für den Gefleckten Schierling und die Große Brennnessel, die allerdings in bewohntem Gebiet – wie wir alle wissen – regelmäßig in Massen auftritt.“ Zwar ist der Gefleckte Schierling vor allem wegen seiner Giftigkeit (Schierlingsbecher) bekannt, die Pflanze wurde jedoch früher auch als Heilpflanze verwendet.
In dem untersuchten Graben fanden sich zudem zahlreiche Arten der Ufer- und Auenvegetation, ein Hinweis, dass dieser im Hochmittelalter wasserführend und sehr feucht war. 24 Arten weisen auf grünlandartige offene Flächen in der Umgebung hin. Die Vegetationsreste aus dem Graben entsprechen laut Feigel der in der Kloster- und städtischen Umgebung zu erwartenden Bandbreite. Ein Anhaltspunkt zur Datierung geben Keramikscherben des 11. bis 13. Jahrhunderts aus der Verfüllung: Irgendwann in dieser Zeitspanne hatte der Graben seine Funktion verloren und war verlandet.
„Die Scherben bestehen aus hellgrauem, gebrannten Ton und hatten außen einen schwarzen Überzug, der darauf schließen lässt, dass die Töpfe über offenem Feuer genutzt wurden“, sagt Feigel. Es handle sich um sogenannte nachgedrehte Ware, die mittels einer Art Mischtechnik hergestellt wurde: sie weist Merkmale von Drehscheibenware, aber auch von frei modellierter Keramik auf und wurde offenbar auf einer langsamen, handbetriebenen Töpferscheibe hergestellt.
Die Funde aus der Murrhardter Innenstadt wurden datiert und protokolliert, sagt Reinhold Feigel: „Bei der Archäologie geht es nicht darum, nur schöne Sachen zu finden, wir sammeln Wissen über die Vergangenheit von Orten, damit die Informationen nicht verloren gehen und in Zukunft jemand auf dieses Wissen zugreifen kann.“