Auslands-Seelsorger Joachim Schroedel: der katholische Priester von Kairo
Joachim Schroedel hat einst Orientalistik in Tübingen studiert und ist seit nunmehr30 Jahren katholischer Pfarrer in Ägypten. Wenn er aufhört, wird es keinen Nachfolger geben.
Joachim Schroedel hat einst Orientalistik in Tübingen studiert und ist seit nunmehr30 Jahren katholischer Pfarrer in Ägypten. Wenn er aufhört, wird es keinen Nachfolger geben.
Der Arbeitstag von Abouna Joachim beginnt früh an diesem Mittwoch. Um 7.20 Uhr ist eine Messe in der Deutschen Schule der Borromäerinnen im Kairoer Stadtteil Bab El Louk nahe des Tahrir-Platzes angesetzt. Mehr als 120 Jahre alt ist diese von Deutschen gegründete Schule, die heute etwa 600 Mädchen – fast ausschließlich Ägypterinnen – besuchen und die den Titel „Exzellente deutsche Auslandsschule“ trägt.
Dieses Gütesiegel bestätigt sich im Gottesdienst, der komplett in Deutsch abgehalten wird. Zum Thema des heiligen Joseph tragen die Siebtklässlerinnen in legerer Schuluniform (hellblaue Poloshirts, schwarze Jogginghosen) Bibeltexte, Heiligenlegenden und eigene Gedanken vor – in hervorragendem Deutsch. Ägyptische Nonnen in Tracht leiten die Schülerinnen an. Es herrscht eine unglaubliche Ruhe und Disziplin in der Kirche, in der 250 Mädchen zwischen zehn und 18 Jahren sitzen. Die Messe ist Pflicht für alle christlichen Schülerinnen, die etwa ein Drittel der Schülerschaft bilden. Muslimische Kinder dürfen nicht teilnehmen. Missionierung ist in Ägypten verboten.
Geleitet wird die Messe vom deutschen Priester Joachim Schroedel, den die Gläubigen ehrfurchtsvoll „Abouna“ – unser Vater – nennen. Er trägt eine prachtvolle goldene Soutane. Mindestens einmal pro Monat liest Schroedel hier die Messe, einen weiteren monatlichen Gottesdienst gibt es in der Schwesternschule der Borromäerinnen in Alexandria am Mittelmeer.
Auch sonst ist der Priester viel auf Achse. Er reist im ganzen Land herum, um die deutschsprachigen Katholiken zu besuchen. Mindestens 100 Kilometer sind es noch heute, die der 70-Jährige täglich zurücklegt. „Der persönliche Kontakt und die Seelsorge sind mein Schwerpunkt.“ Da ist die deutsche Lehrerin, die sich hilfesuchend an ihn wendet, weil ihr mitausgereister Ehemann sich in Ägypten eine Freundin zugelegt hat. Oder ein junger Mitarbeiter der deutschen Botschaft, der den Priester um Rat fragt, weil er sich als gläubiger Katholik in eine Muslima verliebt hat und vor einer Heirat zum Islam konvertieren müsste. Was rät der Pfarrer in einem solchen Fall? „Da kann ich nur sagen: ‚Beende es schnell. Es hat keinen Sinn, das Leiden rauszuzögern“, erklärt Schroedel. Andererseits hat er auch viele Gemeindeglieder, die mit Muslimen verheiratet sind. Auch diese sind herzlich willkommen.
Berührungsängste kennt der Katholik, der in Dresden geboren wurde und als Elfjähriger mit seiner Familie 1965 nach Mainz übersiedelte, nicht. Sein Werdegang war schon immer etwas anders als der Werdegang anderer Priester. „Eigentlich muss ich dem folgen, was meine Kirche und mein Bischof für mich bestimmen“, sagt Schroedel. Doch er ist ein freiheitsliebender Mensch. Und er hatte das Glück, dass er verständnisvolle Vorgesetzte hatte, die seinen Freiheitsdrang, aber auch seine Begabungen erkannten und förderten.
Den ersten Umweg nahm Schroedel gleich nach dem Abschluss seines Theologiestudiums in Mainz. Statt sich mit 24 Jahren zum Priester weihen zu lassen, testete er zunächst, ob ein Ordensleben als Benediktiner nicht etwas für ihn wäre. „Aber ich habe gemerkt, dass ich mich nicht zum Mönch eigne. Ich bin Seelsorger. Ich brauche den Kontakt zu Menschen.“ Dann entschloss er sich, ein weiteres Studium anzuhängen: Orientalistik in Tübingen. Den Orient hatte er während seines Studienjahres in Jerusalem in der Dormitio kennen- und liebengelernt. In Tübingen schloss er sich der katholischen Studentenverbindung AV Guestfalia an, zu der bis heute engen Kontakt hält. Im Studium vertiefte er seine Kenntnisse in Hebräisch und Arabisch. Zudem spricht Schroedel Englisch und Französisch.
Nach dem Studium wurde er 1983 in Mainz zum Priester geweiht und war anschließend zwei Jahre lang Schlosskaplan im Tübinger Stadtteil Unterjesingen. Später wurde er zurück ins Bistum Mainz berufen, wo er zwölf Jahre lang als Religionslehrer in Mainz und Bad Nauheim tätig war. Doch wie gelangte er von dort nach Ägypten?
Das ist eine skurrile Geschichte. Joachim Schroedel lernte einen Auslandslehrer kennen, der in Kairo arbeitete. Als Schroedel das hörte, rief er begeistert aus: „In Kairo möchte ich sterben.“ Der Lehrer war beeindruckt vom Wissen des Pfarrers über die arabische Welt und den Islam und schlug ihm vor, er solle sich doch als Auslandpriester bewerben. In Kairo werde gerade einer gesucht.
Gesagt, getan. Schroedel erhielt wider sein Erwarten das Okay seines Bischofs – und das ohne die sonst übliche Befristung für zwei oder drei Jahre. 1995 übernahm er die Auslandsseelsorge für die deutschsprachige katholische Gemeinde in Kairo und war zudem zuständig für alle deutschsprachigen Katholiken in Jordanien, Syrien, Libanon, Sudan und Äthiopien. Mehr als 10 000 Katholiken umfasste seine weitverstreute Gemeinde damals. „Ich war ständig auf Reisen, um die Leute zu besuchen und Gottesdienste zu halten“, erzählt Schroedel.
Auch zwei Papstbesuche hat er in Ägypten mitbekommen: Im Jahr 2000 machte Papst Johannes Paul II. eine Pilgerreise nach Ägypten. Im Jahr 2017 war dann Papst Franziskus da und feierte mit Tausenden Gläubigen eine Messe. Dieser Besuch stand unter großen Sicherheitsvorkehrungen und großer Anspannung, weil es kurz zuvor terroristische Anschläge auf mehrere Kirchen in Ägypten gegeben hatte. Stolz ist Schroedel darauf, dass ein Kreuz aus der Kapelle der Borromäerinnen damals den Altar schmückte, vor dem der Papst die Menschen segnete. „Unser Kreuz war über das Fernsehen in der ganzen Welt zu sehen.“
Die prägendsten Erlebnisse seiner drei Jahrzehnte Kairo sind für Joachim Schroedel aber die Ereignisse des Arabischen Frühlings 2011, die der Priester hautnah miterlebte: Die Schule der Borromäerinnen liegt nur wenige Meter vom Tahrir-Platz entfernt, an dem die großen Demonstrationen stattfanden. Schroedel war täglich vor Ort, beobachtete die Revolutionäre, die Wahlen 2012 und den Umbruch, als Präsident Mohammed Mursi die Regierung übernahm.
Schroedel hat den Aufbruch und die Euphorie der jungen Ägypterinnen und Ägypter wahrgenommen – und danach ihre Enttäuschung. Auch ein Jahr später, als Mursi nach Massenprotesten und einem Militärputsch gestürzt wurde, war Schroedel wieder am Tahrir-Platz mit dabei. Er berichtete als Korrespondent für Radio Vatikan und die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) über die Ereignisse. Während viele Deutsche und andere Europäer das Land verließen, hielt er die Stellung. Angst habe er nie gehabt, auch nicht am Tahrirplatz, sagt er: „Meine Soutane ist ein guter Schutz.“
Mit politischen Aussagen hält er sich zurück. Ägypten sei natürlich keine Demokratie im westlichen Sinn, aber auch keine Militärdiktatur, wie oft behauptet. Am amtierenden Präsidenten Abd al-Fattah as-Sisi schätzt er dessen Einsatz zur Einheit Ägyptens: „Er betont immer wieder, dass alle Ägypter ein Volk sind, Christen und Muslime, und bekräftigt das durch seinen jährlichen Besuch einer Weihnachtsmesse.“
Auch Schroedel alias Abouna Joachim lebt den interreligiösen Dialog. Kontakt pflegt er zu Christen verschiedener Konfessionen wie auch zu Muslimen, darunter auch islamische Theologen der renommierten Al-Azhar Universität. Er liebt es, mit Andersdenkenden über religiöse Fragen zu diskutieren. „Natürlich mit Takt und Zurückhaltung.“ 1996 gründete der deutsche Priester das Oecumenische Institut Cairo, dessen Leiter er seither ist. Der Deutsche erlebt die Ägypter als sehr offene und tolerante Menschen. Und im Ramadan organisiert er Spendensammlungen, um Essen für einige der vielen Armen in Kairo zu kaufen.
Die Armut – das ist ein großes Thema in Kairo, und auch sie betrifft Christen und Muslime gleichermaßen. Zu ihnen gehören die sogenannten Zabbaleen, die „Müllmenschen“ Kairos. Sie sammeln nachts mit Eselskarren und kleinen Lastwagen den Müll in den Stadtteilen auf und transportieren ihn in ihre Wohnviertel. Dort wird der Abfall sortiert und zum größten Teil recycelt und verkauft. 90 Prozent der Zabbaleen sind Christen. Für sie hat im Jahr 1979 eine schlesische Ordensfrau eine Kooperative gegründet. 1998 übernahm Joachim Schroedel als ihr Vertreter die Leitung. Die Kooperative betreibt einen Kindergarten und eine Schule für die Kinder der Müllleute sowie eine kleine Krankenstation.
Der große Schlag für Pfarrer Schroedel und seine Gemeinde kam 2014. Damals stellte die Deutsche Bischofskonferenz ihre Auslandsseelsorge in Kairo offiziell ein. Zu viele Deutsche waren während des Arabischen Frühlings zurück nach Europa gekehrt. Doch noch immer leben laut Schroedel etwa 2000 deutschsprachige Katholiken im Land. Die wollte der Priester nicht zurücklassen. Er einigte sich mit Kardinal Lehmann auf ein ungewöhnliches Modell: Mit 61 Jahren wurde er frühzeitig in den Ruhestand versetzt, erhält seither ein Ruhestandsgehalt und betreut die deutschen Katholiken in Ägypten quasi ehrenamtlich weiter. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Vor allem aber ein Geschenk für den deutschen Priester, der unbedingt in Kairo bleiben will.
Warum? Was fasziniert ihn an der unglaublich dreckigen und extrem lauten 20-Millionen-Einwohner-Stadt, in der wilde Hunde zwischen Müllbergen herumstreunen und der Sound von Hupen unzähliger Autos und Tuk-Tuks Tag und Nacht bestimmen? „Die Menschen“, sagt Pfarrer Schroedel. „Sie sind so unglaublich freundlich. Und sie respektieren mich als Geistlichen. Nicht nur die Christen, auch Muslime grüßen mich höflich, wenn sie mich sehen.“ Das sei ganz anders als in Deutschland. „Wenn ich in Köln in Soutane über die Domplatte gehe, werden mir unflätige Beleidigungen nachgerufen.“
Die Wertschätzung, die Schroedel als Abouna Joachim genießt, hat auch mit der Bedeutung zu tun, die Religion und Glauben in Ägypten haben, anders als im säkularen Deutschland, wo Religionen ein eher schlechter Ruf anhaftet. Auch das schätzt der Katholik an Ägypten.
Nach Deutschland zieht es ihn trotzdem mehrmals im Jahr. Im Rheinland hat er das Haus seiner Eltern geerbt. Auch in Tübingens schaut er immer wieder mal bei seiner Verbindung vorbei, hält Kontakt zu den ehemaligen Studienkollegen und knüpft neue zu den jungen Studenten. Und er hält in ganz Deutschland Vorträge: über Ägypten, den Islam und den interreligiösen Dialog.
Doch nach einigen Tagen in der alten Heimat muss er dann wieder zurück zu seiner Gemeinde und zu seinen ägyptischen Freunden. Dieses Jahr feiert er sein 30-jähriges Jubiläum in Kairo. Im September wird es einen Dankgottesdienst mit der deutschen Markusgemeinde in der Kapelle in Bab El-Louk geben. Und auch ein großes Fest mit den Gemeindegliedern und Freunden ist geplant.
Ans Aufhören denkt Abouna Joachim, der demnächst 71 Jahre alt wird, noch lange nicht. „Noch bin ich fit. Und ich mache weiter, solange es geht.“ Er weiß: Wenn er irgendwann mal nicht mehr kann, wird es keinen Nachfolger für ihn geben.