Der Kleemann-Ruheständler Ulrich Mang ist der 10 000. Senior-Experte im Ausland. Ehrenamtlich hilft der Stuttgarter einer mexikanischen Firma.
Göppingen/Stuttgart - Es ist ein nagelneuer Fabrikbau im Göppinger Stauferpark, in dem Ulrich Mang bis Anfang dieses Jahres gearbeitet hat. Bei der Firma Kleemann, bei der 360 Mitarbeiter Spezialmaschinen zur Mineralstoffzerkleinerung herstellen, war der 65-Jährige für die Qualitätssicherung zuständig. Jetzt soll er einer kleinen Firma in einer Garage irgendwo im mexikanischen Bundesstaat Hidalgo bei der Auswahl und Einrichtung von Maschinen helfen. Der 14-Mann-Betrieb hat von einem großen deutschen Unternehmen den Auftrag erhalten, Aluminiumteile zuzuliefern – eine große Chance. Andererseits ist der mexikanische Chef darüber nun wohl ein bisschen nervös geworden.
Zum Glück gibt es für solche Fälle den Senior Experten Service (SES). Seit fast 30 Jahren entsendet die Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit mit diesem Programm Fachleute im Ruhestand aus über 50 Branchen in Entwicklungs- und Schwellenländer. Hilfe zur Selbsthilfe sollen sie leisten. Mang ist der 10 000. aktive ehrenamtliche Experte, den die Organisation in ihrer Kartei führt. Dadurch kam er nun zu unverhoffter Prominenz. Der in Stuttgart wohnhafte Maschinenbautechniker wurde in Berlin von Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) empfangen und dem mexikanischen Botschafter Francisco N. González Díaz vorgestellt.
Am 1. September geht das Flugzeug. Jetzt sitzt Mang zu Hause und packt seine Sachen. Es ist nicht so, dass er sich nicht anders zu beschäftigen wüsste. Nach einem halben Jahr im Ruhestand fühle er sich immer noch ein wenig wie im Urlaub. Andererseits habe er immer gerne gearbeitet. Und dann ist es in seiner schönen Wohnung in Klein-Bethlehem, wie der arabisch anmutende Wohnkomplex im Stuttgarter Stadtteil Uhlbach genannt wird, auch ein wenig einsam. Die Söhne sind schon lange erwachsen. Die Frau starb vor vier Jahren.
Im Keller hat Mang ein altes Spanisch-Lexikon hervorgekramt. Vor Jahrzehnten hatte er es für einen Familienurlaub auf der iberischen Halbinsel gekauft. Jetzt blättert er darin herum. Er werde sich schon irgendwie verständigen können, obwohl er nur ein paar Brocken Spanisch spreche und auch seine Englischkenntnisse mager seien. „Zu meiner Zeit wurde das an der Volksschule nicht gelehrt“, sagt Mang.
Zum Glück gibt es heute Übersetzungsprogramme für das Smartphone. Mang hat sich schon eines heruntergeladen. Doch leider macht ihm nun die Telekom einen Strich durch die Rechnung. Sein Zwei-Jahres-Vertrag läuft erst Mitte September aus, und so lange bleibt das Handy gesperrt für mexikanische Prepaid-Karten. „Da lassen die nicht mit sich reden“, sagt Mang. Dass er sowohl im Auftrag der deutschen Wirtschaft als auch des deutschen Staates unterwegs ist, scheint den ehemaligen Staatskonzern nicht zu beeindrucken. Zur Deckung der Roaming-Gebühren dürfte Mangs Reisekasse jedoch nicht ausreichen. Kost und Logis ist frei. Hinzu kommt ein Taschengeld von zehn Euro pro Tag. Der eigentliche Profit ist aber anderer Natur: eine Erfahrung, die Mang in 45-jähriger Berufszeit so nicht gemacht hat.