Mauereidechsen in Stuttgart Stuttgart 21 könnte von Ausnahmen im Artenschutz profitieren

Streng geschützt, aber doch nicht so selten: die Mauereidechse Foto: Adobe/Stock
Streng geschützt, aber doch nicht so selten: die Mauereidechse Foto: Adobe/Stock

Gutachter haben ermittelt, dass in Stuttgart viel mehr streng geschützte Mauereidechsen leben als bisher vermutet. Bauherren wie die Bahn wird das freuen. Plötzlich scheinen Ausnahmen im Artenschutz möglich.

Stuttgart - Die streng geschützte Mauereidechse ist in Stuttgart alles andere als akut vom Aussterben bedroht. Sie ist sogar weiter verbreitet als bisher angenommen. Im Stadtgebiet gibt es eine „stabile Population“ mit mindestens 140 000 erwachsenen Tieren, die auch noch wachsen könnte. Das ist das Ergebnis eines von der Stadt eingeholten Gutachtens, das unserer Zeitung vorliegt. Es könnte der ­Debatte um die verzweifelte Suche nach Ersatzhabitaten und um hohe Kosten von Umsiedlungen bei Projekten wie Stuttgart 21 eine neue Richtung geben.

Die Ämter im Rathaus haben sich unter dem Eindruck des Gutachtens auf die Lesart verständigt, dass es beim Artenschutz im Einzelfall auch Ausnahmeregelungen geben könnte. Ob es der Deutschen Bahn nun erspart bleiben könnte, vor ihren geplanten Arbeiten für den neuen Abstellbahnhof in Untertürkheim mit Riesenaufwand rund 6000 Eidechsen umzusiedeln, für die man noch nicht einmal mögliche Ausweichflächen hat, blieb am Dienstag offen. Die Stadt, bei der die Untere Naturschutzbehörde angesiedelt ist, und das Regierungspräsidium (RP) Stuttgart mit der Oberen Naturschutzbehörde sollen sich allerdings bereits abgestimmt haben.

Der Artenschutz darf nicht grundsätzlich hintangestellt werden

Mit einer völligen Befreiung von Auflagen für alle Bauherren ist nicht zu rechnen. Der Artenschutz könne nicht grundsätzlich hintangestellt werden, sagte Detlef Kron, Leiter des Amtes für Stadtplanung und Stadterneuerung, unserer Zeitung. Die Mauereidechsen bleiben auch in Stuttgart geschützt, zumal sie im Vergleich zu Artgenossen anderswo auch genetische Besonderheiten haben sollen. Man werde den Artenschutz selbstverständlich achten, hat die Stadtverwaltung sich vorgenommen. Über Ausnahmen müsse letztlich das RP entscheiden. Mit dem Gutachten seien nicht alle Planungsprobleme von Bauherren gelöst, betonte Kron. Man könne nun aber zielgenauer planen. Um bauliche Veränderungen und Neubauten zu ermöglichen, wolle man stets pragmatisch und projektbezogen nach Lösungen suchen – wie im Neckarpark, wo die Stadt 2000 Tiere in den eigens eingerichteten Grünzug entlang der nahe gelegenen Gleise umsiedelte.

Dass es auf dem Gebiet der Landeshauptstadt weit über 100 000 Mauereidechsen geben soll, hatte sich in den vergangenen Wochen bereits abgezeichnet. Jetzt, da das Gutachten vorliegt und bei den Gemeinderatsfraktionen kursiert, gibt es viel genauere Erkenntnisse über die Verbreitung. Die Mauereidechsen besiedeln rund 1000 Hektar des Stadtgebiets, schwerpunktmäßig die Gleisanlagen im Neckartal, die Gäubahnstrecke und angrenzende Bereiche, aber auch den Travertinpark in Bad Cannstatt sowie die Hanglagen von Wartberg und Lemberg in Feuerbach. Manchmal entdeckten die Experten sogar eine hohe Bestandsdichte.

Das Gutachten ist bundesweit einmalig

Die Erfassung des Eidechsenbestandes war vom Stadtplanungsamt in Auftrag gegeben worden – in Abstimmung mit dem baden-württembergischen Umweltministerium, dem Regierungspräsidium und der Unteren Naturschutzbehörde beim Amt für Umweltschutz. Sieben Reptilienkundler spürten von März bis Oktober 2017 den Mauereidechsen nach, überprüften auf 143 Hektar das Vorkommen. Sie gingen das Gelände dreimal ab.

Die Gruppe für ökologische Gutachten, ein Unternehmen in Stuttgart, koordinierte ihre Tätigkeiten. Man bediente sich auch früherer Untersuchungen. Heraus kam ein Gutachten, das rund 130 000 Euro gekostet hat und nach Einschätzung der Stadtverwaltung in dieser Gründlichkeit deutschlandweit einmalig ist. Bestätigt hat sich bei der Erhebung auch, was der Bahn bei Stuttgart 21 schon größte Probleme bereitete: der Mangel an Ersatzhabitaten für Tiere, die umgesiedelt werden müssen. Die Experten untersuchten 275 Hektar auf Eignung. Neue Flächen entdeckten sie nicht. Im Gegenteil: Sie stellten fest, dass diese Flächen schon von Mauereidechsen und von ebenfalls geschützten Zauneidechsen besiedelt sind. Diese Arten vertragen sich aber nicht, und auch in bestehenden Habitaten von Mauereidechsen können im Hinblick auf Nahrung und Brutplätze nicht beliebig zusätzliche Tiere eingesetzt werden.

Die Bahn schweigt über die Chancen für eine Ausnahmegenehmigung

Die Projektgesellschaft Stuttgart-Ulm der Bahn wollte sich am Dienstag nicht dazu äußern, ob sie nun mit großen Erleichterungen beim Bau des Abstellbahnhofs rechnet. Eine artenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigung könnte den Weg frei machen für die Genehmigung der Bauarbeiten durch das Eisenbahnbundesamt – ohne Umsiedlung der Tiere.

In der Vergangenheit hatte die Bahn bereits Eidechsen aus Untertürkheim auf die Feuerbacher Heide am Killesberg umgesiedelt – was bei Anwohnern wegen des baulichen Eingriffs in eine Frischluftschneise auf Kritik stieß. Die Suche nach weiteren Ersatzhabitaten war nicht vorangekommen. Tierfreunde in ganz Deutschland wollten Stuttgart aushelfen, doch der Artenschutz setzt der Umsiedlung von Mauereidechsen sogar innerhalb des Stadtgebietes enge Grenzen.




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