Ausreden am Wahlabend Schuld sind erstmal die Anderen

Sie waren die großen Verlierer der Landtagswahl: Hans-Ulrich Rülke (FDP; re.) und Andreas Stoch (SPD). Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Selbstkritik üben Politiker nur selten, Fehler gestehen sie ungern ein. Vor allem nach Wahlniederlagen wird die Schuld bevorzugt bei anderen gesucht, kommentiert Rainer Pörtner.

Politik/Baden-Württemberg: Rainer Pörtner (pö)

In der Politik sind Niederlagen nur selten Momente der Selbstkritik. Stattdessen wird reflexhaft die Schuld bei anderen gesucht. Der Fingerzeig auf den politischen Gegner oder vermeintlich ungünstige äußere Umstände ersetzen das Eingeständnis eigener Fehler.

 

Wie verlockend diese Art der Ausreden ist, ließ sich beispielhaft am Abend der baden-württembergischen Landtagswahl beobachten. Die CDU räumte nicht etwa ein, dass sie viel zu siegessicher gewesen war, einen blassen Spitzenkandidaten aufgestellt und einen Schlafwagenwahlkampf geführt hatte. Stattdessen machte sie den angeblichen „Schmutzwahlkampf“ der Grünen dafür verantwortlich, dass es nicht für Platz eins reichte.

Lamentieren über Polarisierung im Wahlkampf

Sozialdemokraten und Liberale lamentierten, dass ihre Themen und Kandidaten kaum noch wahrgenommen wurden, seit sich der Wahlkampf auf das Duell der Ministerpräsidentenkandidaten von CDU und Grünen zuspitzte.

Da ist sicher auch etwas dran. Aber in erster Linie schnitten SPD und FDP deshalb nicht gut ab, weil ihre Programme und ihr Personal nur noch wenige Menschen zur Stimmabgabe motivierten. Beide Parteien sind im Südwesten schon viel länger im Sinkflug als dieser Wahlkampf dauerte.

Zwei Spitzenkandidaten als Wahlverlierer: links Andreas Stoch von der SPD, rechts Hans-Ulrich Rülke von der FDP. Foto: IMAGO/Arnulf Hettrich

Warum fällt es Politikern so schwer zu sagen, dass nicht nur andere verantwortlich sind, sondern auch sie selbst Fehler gemacht oder sie sich verschätzt haben?

Zu ihrer Entschuldigung ist zunächst anzumerken, dass sie auch nur Menschen sind. Der Mensch neigt generell dazu, Erfolge sich selbst und Misserfolge äußeren Umständen zuzuschreiben. Selbstkritik ist schmerzhaft. Das Abschieben von Verantwortung ist meist die einfachere, nicht selten für den Moment auch erfolgreichere Strategie.

„Speed kills“ lautet das Motto: Tempo ist fast alles

Das gilt erst recht in der Politik, die ein Wettbewerb um Macht ist. Macht ergibt sich aus der Wahrnehmung von Stärke und Durchsetzungskraft. Wer Schwäche zeigt, indem er etwa eingesteht, dass er sich geirrt hat, bietet Angriffsflächen für die politischen Rivalen außerhalb wie innerhalb seiner Partei. Aus einem offenen Schuldeingeständnis kann schnell ein politischer Selbstmord werden. Die aktuelle Logik politischer Kommunikation belohnt nicht zwangsläufig den Ehrlichen und Aufrichtigen.

Dass so viele Politiker zum „Blame Shifting“ greifen, also zur Schuldverschiebung auf äußere Faktoren, liegt auch am hohen Zeitdruck, dem sie unterliegen. Bereits wenige Minuten nach Schließung der Wahllokale wird ihnen eine Bewertung abverlangt, nur kurze Momente nach einem Ereignis sollen sie ein Statement abgeben.

„Speed kills“ lautet das Motto: Tempo ist fast alles. Wer als Erster spricht, hat die besseren Chancen, dass sich seine Erzählung, sein Narrativ, durchsetzt.

Selbstkritik hingegen braucht zeitlich und gedanklich einen gewissen Abstand. In einer Umwelt pausenloser Kommunikation mit der Außenwelt bleibt nur wenig Gelegenheit zur inneren Einkehr.

Selbstkritik kann die Tür zur Erneuerung öffnen

Das Drumherumreden, das Verdrängen, das Schuldverschieben – es hat allerdings einen hohen Preis. Das gilt im Privaten genauso wie im Politischen. Wer die Gründe für seine Niederlage nicht ehrlich analysiert, kann daraus nicht lernen und besser werden. Die Geschichtsbücher sind voll mit Politikern und Parteien, die ihre Fehler trotz Wählerabstrafung wiederholen, weil sie den eigenen Ausreden zu viel Glauben schenken.

Selbstkritik kann dagegen die Tür zur Erneuerung öffnen. Wenn Parteien die Fehleinschätzung gesellschaftlicher Stimmungen, eigene programmatische Lücken oder personelle Fehlbesetzungen offen und ehrlich benennen, erhöht das die Chance zu einer erfolgreichen Neuaufstellung.

Ehrlichkeit ist nicht Dummheit

Politiker bewegen sich zwangsläufig in diesem Spannungsverhältnis: Einerseits sollen sie Entschlossenheit und Stärke ausstrahlen, andererseits verlangt politisches Lernen von ihnen Zweifel und Selbstreflexion. Beides gleichzeitig zu zeigen, ist schwierig.

Trotzdem sollten sie der Versuchung so weit wie möglich widerstehen, sich durch ein „Blame-Game“ kurzfristig zu entlasten. Ehrlichkeit ist nicht Dummheit, sondern der einzige Weg zu langfristiger Verbesserung.

Andreas Stoch und Hans-Ulrich Rülke, die Partei- und Fraktionschefs von SPD und FDP in Baden-Württemberg, kündigten noch am Wahlabend ihren Rückzug aus diesen Spitzenämtern an.

Sie haben persönlich Verantwortung übernommen. Sie haben damit ein gutes Zeichen gesetzt für ihre Parteien – und für die Demokratie.

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