Ausschreitungen in Stuttgart Die Folgen einer furchtbaren Nacht

Spuren der Nacht: zertrümmerte Schaufensterscheibe in der City. Foto: dpa/Silas Stein

Nach den brutalen Ausschreitungen in Stuttgart ist die Stadtgesellschaft als Ganzes gefordert, kommentiert Jan Sellner, Leiter der Lokalredaktion.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Stuttgart - Was sich in Stuttgart in der Nacht zum Sonntag – in der Nacht des Sommeranfangs – ereignet hat, macht sprachlos und fassungslos: Straßenschlachten, Plünderungen, brutale Gewalt gegen Polizeibeamte und Rettungskräfte – Szenen, die man von weltweiten Brennpunkten kennt, aber nicht von Stuttgart, der Schwabenmetropole, wie die Stadt oft in betulichem Stil genannt wird, als lebe man hier auf einer von negativen gesellschaftlichen Entwicklungen weit entfernten Insel.

 

Das Erschrecken darüber, wie die lokale Welt plötzlich aus den Fugen geraten kann, spiegelt sich in vielen Reaktionen: „Das ist nicht Stuttgart!“, sagen Passanten, die am Morgen danach entsetzt durch die Königstraße gehen, wo sich zuvor Gewaltexzesse abgespielt haben, die Beobachter an „bürgerkriegsähnliche Zustände“ erinnerten. „Es war mir unvorstellbar, dass das Bilder aus Stuttgart sein sollen“, stellte Ministerpräsident Winfried Kretschmann am Sonntag im Gespräch mit unserer Zeitung erschüttert fest. Und doch: Die Bilder stammen von hier. Ja, das war Stuttgart! Eine furchtbare Nacht lang! Was einmal passiert ist, kann sich wiederholen. Deshalb darf man nach dem Schock-Wochenende nicht zur Tagesordnung übergehen.

Haben sich derartige Entwicklungen angebahnt?

Was ist in und mit Stuttgart los? Eben erst hat die Stadt als gefeierte Kulturhauptstadt international Schlagzeilen gemacht. Gleichzeitig scheint sich am anderen Ende der Kulturskala etwas zu ereignen, was niemand wahrhaben wollte – das Entstehen einer aggressiven Mischung, zu der möglicherweise auch Corona-Frustrationen beigetragen haben. Die Frage stellt sich: Haben sich derartige Entwicklungen angebahnt, ohne dass wir sie wahrgenommen hätten? Mit welchen Einstellungen und Bildern im Kopf war der überwiegend junge Party-Mob in Stuttgart unterwegs? Welchen Einfluss haben Bilder von anderswo, etwa von Plünderungen in den USA, die Kriminelle dort im Windschatten der friedlichen Antirassismusdemos verübten? Wie viele Stuttgart-Versionen gibt es, wie viele Parallelwelten? Driften wir auseinander? Und wer verabschiedet sich da eigentlich gerade vom Grundkonsens der liberalen, weltoffenen Stadt?

Man sollte sich in die Lage der Polizei versetzen

Noch reden wir vielfach in Fragezeichen, weil Antworten eine intensive Beschäftigung mit den Hintergründen der Ereignisse erfordern. Doch sie müssen dringend und gründlich bearbeitet werden. Dazu gehört auch die Frage nach den Ursachen für die Gewalt gegen Polizeibeamte und Rettungskräfte, die nicht erst seit diesem Wochenende ein Thema ist. So notwendig es ist, staatliches Handeln immer wieder kritisch zu hinterfragen und die Rassismusdiskussion auch in der Polizei mit Nachdruck zu führen, so falsch sind pauschale Vorwürfe. Sie können sogar gefährlich sein. Es könnte schon helfen, sich einmal in die Situation derjenigen zu versetzen, die in dieser gewalttätigen Stuttgart-Nacht im Einsatz waren, um die Sicherheit und Ordnung wiederherzustellen, die man gemeinhin für selbstverständlich nimmt.

Die Verantwortung lässt sich nicht wegdelegieren

Nichts ist selbstverständlich – der demokratische Rechtsstaat nicht und nicht das respektvolle Zusammenleben, auch nicht das schöne und kulturaffine Stuttgart. Das haben uns die Ereignisse vom Wochenende brutal vor Augen geführt. Sie sind zweifellos einschneidend; für die Randalierer müssen sie strafrechtliche Konsequenzen haben. Die Aufarbeitung und Bewältigung dessen, was da inmitten der Landeshauptstadt auf erschreckende Weise aufgebrochen ist, lässt sich aber nicht einfach an die Politik und an die Polizei wegdelegieren. Hier ist das Gemeinwesen als Ganzes gefordert, weil es von dieser Entwicklung als Ganzes betroffen ist. Die Stadtgesellschaft muss sich um Stuttgart kümmern.

jan.sellner@stzn.de

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