Dieser Tag wird als ein Angriff auf die Demokratie und die staatlichen Institutionen in die Geschichte Brasiliens eingehen. Innerhalb weniger Minuten drangen Anhänger des rechtsextremen Flügels des Bolsonaro-Lagers in den Kongress, den Präsidentenpalast und den Obersten Gerichtshof ein. Das führende Medienunternehmen des Landes, Globo, wertete die Aktionen als Putschversuch von Terroristen. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Es ist eine Sache einen Politiker wie den linken Wahlsieger Lula da Silva (77) wegen dessen politischer Mitverantwortung für die Korruptionsskandale in den vergangenen Jahrzehnten zu kritisieren. Viele Beobachter haben zudem das Misstrauen und die Ablehnung in einem nicht unerheblich großen Teil der Bevölkerung gegenüber Lula wegen dieser Vorfälle rundweg unterschätzt.
Etwas ganz anderes ist es aber, den demokratisch legitimierten Wahlsieg Lulas an dem es keinerlei Zweifel gibt, aus den Angeln heben zu wollen. Lula da Silva ist in einer freien demokratischen Wahl zum Präsidenten Brasiliens gewählt worden. Punkt. Ende der Diskussion. Mit dem Angriff auf das Parlament, den Präsidentenpalast und das Oberste Gericht ist eine rote Linie deutlich überschritten worden. Das ist durch nichts zu rechtfertigen oder zu entschuldigen.
Anfang vom Ende Bolsonaros?
Für den Bolsonarismus dürften die Ereignisse deshalb auch so etwas wie der Anfang vom Ende bedeuten. Bolsonaro hat es aus Florida in den ersten Stunden unkommentiert zugelassen, dass die demokratischen Institutionen des Landes von den eigenen Anhängern gestürmt werden. Das hat am Sonntag auch die brasilianische Mitte nachhaltig geschockt, wie die Kommentare in den sozialen Netzwerken zeigten. Sollte sich herausstellen, dass der Bolsonaro-Clan hinter den Kulissen die Unruhen gesteuert haben soll, dürfte ihm irgendwann der Prozess gemacht werden. Auch die US-Justiz in Florida wird da genau hinschauen.
Auf Brasilien wartet nun ein schweres Jahr von zwei sich gegenüberstehenden Lagern, die sich rundweg ablehnen und tief misstrauen. Lula da Silva wird es schwer haben, seinen angekündigten Versöhnungskurs durchzuziehen. Erst einmal muss er seine eigene Macht absichern.