Wahrscheinlich haben sich die Mitglieder des Gemeinderats ihre Stadt so vorgestellt: Studenten sitzen in Cafés auf öffentlichen Plätzen und führen akademische Diskussionen, in den Lebensläufen zukünftiger Generationen wird immer häufiger die Hochschule Sindelfingen stehen und am Stadteingang steht ein gelbes Ortsschild mit dem Zusatz „Hochschulstadt Sindelfingen“.
Die Vorlage der Stadt sieht vor, einige Studienprogramme des Herman Hollerith Zentrums frühestens vom Sommersemester 2026 an in Sindelfingen anzubieten. Den großen Wurf in Richtung Uni-Stadt à la Tübingen oder Heidelberg kann Sindelfingen aber nicht erwarten – zur Enttäuschung so mancher Ratsmitglieder. „Wir wollen uns der Idee nicht verwehren. Ich kann aber auch die Enttäuschung nicht verstecken. Der Effekt auf uns wird nicht so groß sein, dass man in der breiteren Öffentlichkeit als Hochschulstandort wahrgenommen wird. Es ist wohl die Außenstelle der Außenstelle“, sagt Michael Reinert (FDP). Martin Wenger, SPD-Stadtrat, ordnet die Dimension so ein: „Er könnte Impulse für die Innenstadt geben, aber es wird kein Riesencampus, sondern einer mit kleinem Angebot. Die Hoffnung für eine große Belebung der Innenstadt sehen wir wenig gegeben. Es ist daher eher nice-to-have.“
Fällt der Effekt kleiner aus, als gehofft?
Nicht wenige Fraktionen befürchten, dass es ein reichlich teures „Nice-to-have“ werden könnte, wenn die Stadt für den Aufbau und den Unterhalt der Hochschulstrukturen größtenteils aufkommen müsste. Christian Sommer (Grüne) argumentierte mit der Kostenverteilung eher gegen die Idee: „Hochschulen sind Aufgabe des Landes. Wenn wir aus dem Stadtbudget große Summen aufbringen müssen, übernehmen wir Landesaufgaben. Das würde unseren Haushalt sehr belasten.“ Die Finanzierung ist auch für Hans-Peter Vögele (AfD) ein Grund für Skepsis: „Wir haben in 15 Kilometer Entfernung den Campus Stuttgart-Vaihingen, in fünf Kilometern das Herman Hollerith Zentrum Böblingen. Wenn das Land nicht mehr zur Finanzierung beiträgt, lehnen wir dieses Vorhaben ab.“
Stadt will Land bei der Finanzierung in Verantwortung nehmen
Felix Rapp, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Sindelfingen (WSG), wirbt indes für die Etablierung einer Außenstelle: „Wir haben hier in Sindelfingen eine starke IT- und Automobilinfrastruktur. Mit einer Hochschule würden wir den Wissenschafts-, Wirtschafts- und Technologiestandort stärken.“ Sollten zum Sommersemester 2026 die ersten 40 Studierenden starten wollen, müsse man „Gas geben“, betont Rapp. In weiteren Gesprächen mit Land, Kreis, Stadt Böblingen und Hochschule Reutlingen werde man auch auf eine tragbare Finanzierung hinarbeiten, verspricht Felix Rapp.