Dort wohnen und leben, wo man arbeitet, umgeben von viel Grün: Die Pläne für das innovative Projekt in Korntal-Münchingen liegen seit geraumer Zeit vor, der Freiburger Architekt Wolfgang Frey hat sie für den regionalen Gewerbeschwerpunkt nördlich von Müllerheim gemacht. Doch Gemeinderat und Bürgermeister zögern, sie umzusetzen. Naturschützer und Landwirte protestieren.
Ganz anders die Situation im rund 60 Kilometer entfernten Straubenhardt. Die Enzkreisgemeinde hat vor einem halbem Jahr beschlossen, nach den Plänen Freys zu bauen. „Wir wollen weltoffen und zukunftsgerichtet sein“, sagt deren Bürgermeister Helge Viehweg (SPD) und erzählt sofort vom neuen Feuerwehrhaus, das 2019 nach dem Cradle-to-cradle-Prinzip erbaut wurde. Er sei von Michael Braungart geprägt, dem Erfinder dieses Prinzips: Ausgedientes wird zum Rohstoff für Neues, alter Baustoff wird in diesem Kreislauf zur Basis für Neubauten. Seit 2019 ist Straubenhardt erste Cradle-to-cradle-Modellkommune des Landes.
Projekt soll trotz unausgeglichenem Haushalt umgesetzt werden
Die Bürger goutieren offenbar, wie Viehweg Straubenhardt in die Zukunft führen möchte: Im Jahr 2021 wurde er mit rund 91 Prozent im Amt bestätigt.
An den Finanzen kann dieser Wille, neue Wege zu beschreiten, nicht liegen: Wie Korntal-Münchingen muss auch Straubenhardt das Geld beisammen halten. „Finanziell ging es uns mal besser“, meint der Bürgermeister, man habe keinen ausgeglichenen Haushalt.
Die knappe Kasse hält den Rathauschef aber nicht davon ab, ein Projekt anzugehen, das manche als Utopie oder Spinnerei bezeichnen: einen maximal nachhaltigen und ökologischen Gewerbepark nach den Plänen des visionären Architekten Freys zu bauen – wie das einst Korntal-Münchingen vorhatte. „Ich bin dem Gemeinderat extrem dankbar“, sagt der Bürgermeister. Das sei eine Gemeinschaftsleistung. „Ohne entsprechenden Gemeinderat kann man einpacken.“ Das Gremium hatte den Grundsatzbeschluss Ende 2023 mit überwältigender Mehrheit gefasst.
Er will gestalten, nicht verwalten, sagt Helge Viehweg. „Ich verstehe mich nicht als oberster Sachbearbeiter.“ Hierzulande werde bisweilen viel zu lange diskutiert, man sage viermal Ja, ehe man dann doch beim Nein lande. So war auch schnell klar, dass der Bürgermeister und der Gemeinderat nach Freiburg reisen würden, um sich mit Wolfgang Frey über dessen bisherige Arbeiten im asiatischen Raum und über sein Projekt in Straubenhardt auszutauschen. Seitdem ist der Architekt oft zu Gast in Straubenhardt. „Es ist eine besondere Kultur hier“, stellt Frey fest. Dass die Bevölkerung von Anfang an einbezogen wurde, sei ein Grund für die hohe Akzeptanz des Bauvorhabens im Ort. Was im Hasenstock geplant ist, ist das Ergebnis der Workshops mit den Bürgern, so Viehweg .
Die Bauvorhaben für Korntal-Münchingen und Straubenhardt ähneln sich. Entstehen sollen unter Beteiligung jeweils eines Investors Gewerbeparks, in denen Wohnen, Arbeiten und Produzieren vereint werden. Steht im Strohgäu rund 16 Hektar Fläche zur Verfügung, sind es in der Enzkreis-Gemeinde 1,4 Hektar Grundstücksfläche, die ökologisch korrekt bebaut werden soll.
Oben wohnen, unten arbeiten
Im Gebiet Hasenstock wird oberirdisch gewohnt und gelebt mit begrünten Fassaden, unterirdisch wird auf 7000 Quadratmetern Großindustrie angesiedelt. Die Etagen werden auf einen Sockel aus unterirdischen Produktionshallen gestapelt, sodass weniger Fläche verbraucht wird. Laut dem Architekten Frey ergibt sich so fast eine Verdreifachung der Grundstücksausnutzung. Zudem ist ein kulturelles Zentrum für alle Bürger geplant in der historischen Villa Kling.
Ob die Pläne tatsächlich so umgesetzt werden, wird die Entwicklung zeigen. Bei Bedarf würden die Pläne korrigiert, macht Viehweg deutlich. Er betrachtet das als Teil des Prozesses, nicht als Scheitern.
Das Projekt in Straubenhardt hat bisher in der breiten Öffentlichkeit nicht dasselbe große Interesse geweckt wie jenes in Korntal-Münchingen – in der Fachwelt indes wohl: Es wird in Begleitung des Massachusetts Institute of Technology realisiert, einer weltweit führenden Spitzenuniversität.
Korntal-Münchingen will weiter an Plänen arbeiten
Der Regionale Gewerbeschwerpunkt in Korntal-Münchingen, im Speckgürtel von Stuttgart, findet landesweit Beachtung. Mit dem Autobauer Porsche als Projektpartner und einem möglichen Nutzer an ihrer Seite schwebte der Stadt Korntal-Münchingen auf dem Acker ein Leuchtturmprojekt vor. Von „weltweit einzigartig“ sprach der Architekt Frey im Oktober 2021 im Interview mit unserer Zeitung. Doch aufgrund laut der Stadt „schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen“ angesichts steigender Zinsen und Baukosten wurde es auf Eis gelegt.
Korntal-Münchingen zieht noch dieses Jahr die ehrgeizigen Pläne für den regionalen Gewerbeschwerpunkt wieder aus der Schublade. Auf Anfrage teilt die Rathaussprecherin Alina Kleinschwärzer mit, man stehe mit dem Architekten Frey, der sich auch um den Grunderwerb kümmert, in Gesprächen, um Möglichkeiten zur Grundstückssicherung auszuloten und zu verhandeln. „Parallel dazu treiben wir die Gutachten zu den Themen Verkehr und Artenschutz voran.“ Sobald aussagekräftige Ergebnisse vorliegen, sei geplant, diese in den Gemeinderat einzubringen. „Es ist aller Voraussicht nach davon auszugehen, dass der neue Gemeinderat sich in der zweiten Jahreshälfte mit diesen Ergebnissen befassen wird.“