Ausstellung „600 Jahre Heilkraft“ in Bad Überkingen Für absolute Asketen ein echtes Vergnügen

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Die Ausstellung „600 Jahre Heilkraft – 1415 bis 2015“ bietet spannende Einblicke in Bad- und Trinkkuren, die früher die Patienten schon mal forderte. Allerdings ist die kostenlose Schau in Bad Überkingen auch für Geologie-Fans interessant.

Alte Sprudelflaschen, Wasserkrüge, historische Bademode sowie viel Information bietet die Ausstellung in Bad Überkingen. Foto: Horst Rudel
Alte Sprudelflaschen, Wasserkrüge, historische Bademode sowie viel Information bietet die Ausstellung in Bad Überkingen. Foto: Horst Rudel

Bad Überkingen - Würde sich ein Wellness-Oasen-Betreiber heutzutage an den Inhalten und am Programm einer Badekur aus dem frühen 19. Jahrhundert orientieren: er könnte seinen Laden gleich wieder dicht machen. Die Gäste, so sie denn überhaupt kämen, würden ihm in Scharen davonlaufen. Eine Badkur, das macht die Ausstellung „600 Jahre Bad Überkinger Heilkraft – 1415 bis 2015“ im Foyer des örtlichen Thermalbads deutlich, wäre nach modernen Maßstäben höchstens für absolute Asketen ein echtes Vergnügen.

Die Tagesordnung lautete in etwa wie folgt: aufstehen 4 Uhr, spätestens 5 Uhr, dann waschen mit kaltem Wasser und kämmen der Haare (ärztlich verordnet). Weiter ging es mit dem Morgengebet und einem halbstündigem Spaziergang im Zimmer. 7 Uhr (nüchtern): vier bis fünf Stunden Baden. Mittagessen: 11 Uhr. Danach ging es bis 16 Uhr erneut in den Zuber, ehe um 18 Uhr das Abendbrot wartete. Nachtruhe: 19 Uhr, spätestens 21 Uhr.

Aufstieg zum Promi-Bad

Beliebt war das „heilsame Baden“ in den vergangenen Jahrhunderten – dennoch oder deshalb – aber nicht weniger als heute. Das Überkinger Sauerwasser war zunächst vor allem bei den Einheimischen begehrt, doch dabei blieb es offenbar nicht. Der sogenannte Swalbrunnen wurde im Jahr 1415 erstmals schriftlich erwähnt: Steffan Rüttelman musste für dessen Bewirtschaftung neun Pfund Heller als jährliche Gültabgabe an den Grafen von Helfenstein abführen. Die ersten dokumentierten Heilerfolge, „bei Ohrenschmerzen, Schwindel, Magenleiden, Nierenschmerzen und weiteren Gebrechen“, gab es bereits Ende des 15. Jahrhunderts.

Überkingens Aufstieg zum Promi-Bad war damit nicht mehr aufzuhalten. Ob Herzog Maximilian I. von Bayern, Margaretha Gräfin von Liechtenstein oder Heinrich Graf zu Castell nebst Gattin Elisabeth Gräfin von Helfenstein: die Adeligen gaben sich die Klinke des Badhauses und später der Trinkhalle in die Hand. Doch hatten sich auch die Hochwohlgeborenen an strenge Regeln zu halten. So empfahl der Mediziner Johann Georg Haßfurth Mitte des 18. Jahrhundert den Morgen als beste Zeit für eine Trinkkur: „Wann der Magen von Speis und Trank leer, die Glieder vom Schlaf erquicket und der Leib vorhero von dem Stuhlgang und Urin erleichtert“.

Idee kommt aus dem Gemeinderat

Die Idee zu dieser Jubiläumsausstellung, die mit zeitgenössischen Anekdoten und sachlichen Informationen gleichermaßen aufwarten kann, ist im Bad Überkinger Gemeinderat geboren worden. Rasch war ein Ausschuss gebildet, die Bevölkerung um Mithilfe gebeten und Thomas Straub mit der Organisation der Schau beauftragt. Der rührige Tourismusmanager der Kommune legte los und bettelte sich, nachdem das Konzept in groben Zügen stand, die benötigten Exponate zusammen.

Einen original nachgebauten Badezuber lieh er sich vom Göppinger Naturkundemuseum aus, historische Badebekleidung im Bad Boller Badhaus. Zudem zapfte Straub den Fundus der Firma IQ4YOU an. Der Getränkehersteller, der 2013 die Mineralbrunnen AG übernommen hatte, kramte alte Sprudelflaschen, Wasserkrüge, Werbetafeln und weitere Exponate aus seinem Archiv.

Mit der grafischen Umsetzung wurde Sandra Skutta vom Büro Punkt in Rechberghausen beauftragt, und so ist im Thermalbad bis zum 3. Oktober kostenlos eine kleine, aber feine Ausstellung zu sehen, die alle Facetten zum Thema „Bad Überkinger Heilkraft“ abbildet und für Geologie- und Geschichtsfans sowie für jeden anderen interessant ist.

Kostenloses Mineralwasser für die Bevölkerung

Deutlich gemacht wird unter anderem der Grund, weshalb Otto Neidhardt zwischen 1971 und 1992 auf der Ortsgemarkung mehr als 120 bis zu 1000 Meter tiefe Testbohrungen nach unterschiedlichen Mineral- und Heilwassern durchgeführt hat. Der Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland war binnen 25 Jahren von 12,5 auf knapp 104 Liter gestiegen. Zudem erfreuten sich Thermalbäder wieder einer steigenden Beleibtheit. So wurde, just im Jahr 1971, in Überkingen das neue Thermalbad mitsamt Kurgarten eingeweiht, während die Mineralbrunnen AG mit dem Slogan „Süddeutschlands verbreitetster Sprudel“ warb.

1992 wurde der Gemeinde schließlich das ersehnte Heilbad-Prädikat verleihen, und so sind die Anlagen nach einer umfangreichen Modernisierung seit April des JAhres 2013 ein Anziehungspunkt für Gäste aus Nah und Fern. Allerdings profitieren auch die Bewohner im Oberen Filstal von der langen Tradition. So hat von Gesetzes wegen ein jeder das Recht auf kostenloses Mineralwasser aus dem Brunnenhäuschen.




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