Ausstellung „Archicomics“ Wo Gebautes keine Grenzen kennt
Die stimulierende Ausstellung „Archicomics“ in der Stuttgarter Raumgalerie entdeckt eine faszinierende Spielart der Architektur.
Die stimulierende Ausstellung „Archicomics“ in der Stuttgarter Raumgalerie entdeckt eine faszinierende Spielart der Architektur.
Stuttgart - Verordnungen, Vorschriften, Regularien: Wer plant und baut, steckt in einem engen Korsett. Es gibt eine Spielart der Architektur, die frei von solchen Zwängen ist: Im Genre des Comics und der Graphic Novel kennen Kreativität und Fantasie keine Grenzen. Diesen Schauplatz der Architektur haben Studierende der Hochschule Karlsruhe entdeckt und analysiert; zwölf Publikationen haben sie im Wahlfach Architekturpublikation unter der Leitung von Simone Kraft unter die Lupe genommen. Daraus ist die Ausstellung „Archicomics – Architektur im Comic“ entstanden, die nun in der Raumgalerie von Thomas Geuder im Stuttgarter Westen einen Besuch lohnt.
Denn die Nachwuchsarchitektinnen und -architekten haben ihre Semesterleistung zu einer stimulierenden Schau verarbeitet. Ein schmales, vertikales Plakatband fasst für jeden der zwölf Comics die Erkenntnisse zusammen – jedes ist in Zeichenstil, Grafik, Design dem Untersuchungsgegenstand angepasst. So erhält man in den zwei Galerieräumen auf wenigen Quadratmetern ein Konzentrat der ungeheuren zeichnerischen wie inhaltlichen Vielfalt des Genres.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Die dänischen Architekturstars BIG – Bjarke Ingels Group
Die internationalen Autorinnen und Autoren gehen mit gesellschaftskritischem Impetus zu Werk oder fantasieren wilde Utopien, mal sind historische Architektinnen und Architekten die Protagonisten, in einem Fall ist ein gefragter zeitgenössischer Entwerfer gar der Autor: Der Däne Bjarke Ingels hat in „Yes is more“ die Bauten seines Büros BIG – Bjarke Ingels Group und seine Philosophie der „evolutionären Architektur“ in einen 400-seitigen unterhaltsamen Comic-Katalog gepackt.
Charlotte Malterre-Barthes und Zosia Dzierzawska erzählen in „Eileen Gray – A House under the Sun“ aus dem Leben der irischen Designerin und Architektin und von ihrem berühmtesten Gebäude, der Villa E-1027. Das Moderne-Juwel wurde jedoch erst Grays Partner und dann Le Corbusier zugeschrieben, erst seit 2000 ist Gray als Urheberin anerkannt. Auch aus dem Schatten des Großbaumeisters der Moderne heraustreten musste die französische Designerin und Architektin Charlotte Perriand, eine der großen, aber vergessenen Gestalterinnen des 20. Jahrhunderts. Die elegant gezeichnete Graphic Novel von Charles Berberian konzentriert sich auf den die Protagonistin prägenden Japan-Aufenthalt. Noch mal taucht Le Corbusier bei Andreas Müller-Weiss auf: In dessen Architektur-Comic-Krimi um den Pavillon Le Corbusier in Zürich spielt sogar ein Mord eine Rolle.
Das Comic-Genre erweist sich in der anregenden Ausstellung als ein wertvolles Vehikel – es vermag im besten Fall auch jene mit Architektur in Berührung zu bringen, die sich bislang nicht sonderlich dafür interessieren. Die besprochenen Graphic Novels liegen in der Galerie aus; von den Studentenarbeiten angefixt, kann man so gleich tiefer in den so ästhetisch reizvoll gezeichneten Architekturwelten versinken. Unbedingt einen Blick auf die ersten Seiten des Bjarke-Ingels-Comics und die amüsierende Ableitung des Titels „Yes is more“ aus berühmten und erfundenen Zitaten werfen!
Die Raumgalerie in der Ludwigstraße
Archicomics. Architektur im Comic.
Bis 30. Oktober. Die Raumgalerie, Ludwigstraße 73. Geöffnet Mo–Fr 11–19 Uhr, Sa 13–18 Uhr. Von 4. bis 25. September geschlossen.