Ausstellung „Gender im Design“ in Ulm Männliche Stühle für echte Männer

Von  

Gestaltung ist nie harmlos. „Nicht mein Ding – Gender im Design“ im Archiv der Ulmer Hochschule für Gestaltung zeigt, wie hemmungslos die Konsumindustrie unser Lebensgefühl prägt.

Früh übt sich, was ein echter Junger werden soll: Jeong Mee Yoons Projekt „The Pink & Blue“ Foto: Jeong Mee Yoon
Früh übt sich, was ein echter Junger werden soll: Jeong Mee Yoons Projekt „The Pink & Blue“ Foto: Jeong Mee Yoon

Ulm - Männer sollten vorsichtig sein. Denn Stühle stecken voll ungeahnter Gefahren. Da setzt man sich unbedacht auf den legendären „Tulip Chair“ des finnischen Designers Eero Saarinen – und wird plötzlich als unmännlich abgestempelt. Denn die bisherigen Besucherinnen und Besucher der neuen Ausstellung „Nicht mein Ding – Gender und Design“ am HfG-Archiv Ulm sind sich einig: Der weiße Tulpenstuhl mit dem roten Sitzkissen, der als erster einbeiniger Stuhl in die Geschichte einging, wurde in einer Abstimmung als Frauenstuhl deklariert. Männlicher bewerten die Besucher dagegen den LCM Sessel von Charles & Ray Eames. Er ist breiter, untersetzter und hat weniger schmeichelnde Formen.

Stühle für Männer und Stühle für Frauen? Wenn man durch die Ausstellung im Ulmer HfG-Archiv läuft, ahnt man, dass es gar nicht so abwegig wäre, wenn ein Möbelhersteller schon bald „gegenderte“ Sitzgelegenheiten auf den Markt bringen würde. Denn der kleine Streifzug durch die Welt der Designprodukte erinnert daran, dass in immer mehr Lebensbereichen der Genderwahn Einzug hält. Je stärker das binäre System von Mann und Frau in Frage gestellt wird, desto mehr wird bei Konsumartikeln unterschieden, für welches Geschlecht sie vorgesehen sind – vom Überraschungsei „nur für Mädchen“ bis zur Grillsoße für „echte Männer“.

Die südkoreanische Fotografin Jeong Mee Yoon hat in einer großartigen wie erschütternden Fotoserie, dem „The Pink & Blue Project“, dokumentiert, wie die Geschlechterbilder der Konsumindustrie in den Alltag hineinwirken und das Ich manipulieren. Jeong Mee Yoon hat Kinder aus aller Welt mit ihren Habseligkeiten fotografiert. Sorgfältig wurden Spiel- und Schulsachen, Kleider, Kuscheltiere und Kosmetikartikel ausgebreitet – und das Ergebnis ist alarmierend, denn die Jungen versinken in einem Meer von Blau, bei den Mädchen ist alles von der Socke bis zur Haarbürste rosa. Sogar die Zahnpasta ist nach Geschlechtern getrennt. Von „Pinkifizierung“ spricht man heute bereits und auch von „Pink Tax“, wenn Produkte für Frauen teurer verkauft werden, weil Hersteller wissen, dass Frauen mehr in Körperpflege investieren.

Design kann die Gesellschaft also verändern – und Geschlechterrollen zementieren, so die Botschaft der Ausstellung, die auch viele Projekte von Design-Studierenden vorstellt, die sich mit Genderfragen befasst haben. Sie haben auf US-Dollars die Bilder der Präsidenten durch erfolgreiche Frauen ersetzt oder eine Bank entwickelt, auf der Frauen im öffentlichen Raum ihre Kinder stillen können. Ein Pürierstab mit grünem Bohrmaschinen-Griff macht aber auch bewusst, wie stark ästhetische Konzepte in unser aller Köpfe verankert sind.

Als die Hochschule für Gestaltung noch eine der führenden Designschulen war, wurde in Ulm Spielzeug entwickelt, das sich nicht darum scherte, ob es von Mädchen oder Jungen genutzt wird, sondern ob es sinnvoll ist. Auch in den Siebzigerjahren war man noch entspannter im Umgang mit den Geschlechtern. Bei den Figürchen aus dem „Frisier-Salon“-Spiel wuchsen die Haare nach, damit Jungen und Mädchen sie frisieren und abschneiden können.

Heute ist die Lego-Welt dagegen extrem auf das Geschlecht fixiert, wie Anita Sarkeesian für eine Videoarbeit recherchiert hat. In den ersten Jahren waren Lego-Steine genderneutral, seit den Achtzigern, so Sarkeesian, dominiere die männliche Perspektive. Trotzdem war auch früher nicht alles besser – und wurde bei Produkten zwar seltener nach Geschlecht unterschieden, die Werbung setzte dafür auf ein althergebrachtes Rollenverständnis, wie alte Werbefilme zeigen, in denen sich die Hausfrau um das kranke Kind kümmert oder „Frauengold“ benötigt, wenn sie, wie es Frauen früher gern unterstellt wurde, einen hysterischen Anfall hat.