Ausstellung Heilbronn Die Künstlerin als Fall für die Psychiatrie

Elfriede Lohse-Wächtler: „Im blauen Kittel – Selbstporträt IV“ (1929), Ausschnitt Foto: Ketterer Kunst

Lange wurde nur die traurige Geschichte der Künstlerin Elfriede Lohse-Wächtler erzählt – sie wurde von den Nazis ermordet. Dabei war sie eine Powerfrau!

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Die Eltern werden sich die Haare gerauft haben. Sie hätten sich gewünscht, dass die Tochter ein Leben comme il faut führt – unauffällig, geordnet, langweilig. Und was macht Elfriede? Sie zieht mit sechzehn Jahren von zu Hause aus, um Künstlerin zu werden. Mehr noch: Sie raucht und schneidet sich die Haare kurz. Zeitweise trägt sie sogar Männerkleider und nennt sich Nikolaus, um sich wie echte Kerle in Kneipen und Bordellen auf der Reeperbahn nicht nur herumtreiben zu können, sondern vor allem zu zeichnen.

 

Elfriede Lohse-Wächtler (1899–1940) scheint eine forsche und mutige Person gewesen zu sein, dabei aber feinste Antennen besessen zu haben. Denn auch heute, fast hundert Jahre nach ihrem Tod, berühren ihre Zeichnungen und Aquarelle auf besondere Weise. An den Gesichtern, die sie malte, kann man die Schwere des Allzumenschlichen ablesen. So knallig rot die Lippen der Blondinen sein mögen, so erzählen die Schatten unter den Augen von Müdigkeit und die eingefallenen Wangen vom täglichen Ringen mit dem, was das Leben beschert. Fröhlich sind diese Szenen aus den Kneipen und die Porträts aus den angeblich wilden 1920er Jahren nicht.

Von den Nazis für geisteskrank erklärt und ermordet

Und doch lohnt der Besuch in der Kunsthalle Vogelmann in Heilbronn, die in einer Retrospektive an diese ungewöhnliche Künstlerin erinnert. „Ich als Irrwisch“ zeichnet das kurze Leben von Elfriede Lohse-Wächtler nach, die 1899 in Dresden auf die Welt kam, die es nicht allzu gut mit ihr meinte.

Sie hatte immer wieder mit psychischen Problemen zu kämpfen – und als sie Anfang der 1930er Jahre aus Hamburg mittellos und völlig erschöpft zu ihren Eltern zurückkehrte, wiesen diese sie in die Klinik ein. 1935 wurde sie von den Nazis für geisteskrank erklärt, entmündigt, zwangssterilisiert und 1940 ermordet.

Wenn in den vergangenen Jahren Werke von Elfriede Lohse-Wächtler ausgestellt wurden, stand ihr tragisches Schicksal meist im Zentrum – und auch in Heilbronn erschüttern ihre flehenden Briefe an die Eltern, dass sie es in der Klinik „beim besten Willen nicht mehr aushalten“ könne und man sie doch bitte herausholen möge. Die Kuratorin Rita E. Täuber, die sich schon lange mit ihrem Werk beschäftigt, wollte in der Heilbronner Ausstellung den Blick aber stärker auf die ungewöhnliche Qualität der Künstlerin richten.

Selbstbewusst in Männerwelten

Denn auch schon bei einem ersten Psychiatrieaufenthalt in Hamburg zeichnete sie mitfühlend und eindringlich ihre Mitpatientinnen. Als sie die Porträts in einer Galerie am Jungfernstieg ausstellte, war das ihr Durchbruch. Sie wurde als Entdeckung gefeiert, und man bescheinigte ihr ein „einzigartiges, fast nicht mehr weiblich anmutendes Talent“. Ihre Stärke zeigt sich vor allem in den Porträts und gerade auch den Selbstporträts, aus denen sie die Betrachter aus hellen, herausfordernden Augen sehr direkt anschaut. Es sind gerade die ungewöhnlichen Blau- und Lilatöne, die sie bei Gesichtern gern nutzte, um eine starke wie befremdliche Wirkung hervorzurufen.

Elfriede Lohse-Wächtler: „Über den Leib“ (1930) Foto: Privat

Aus kunsthistorischer Sicht lässt sich der überspitzte Realismus von Elfriede Lohse-Wächtler am ehesten der Neuen Sachlichkeit zuordnen, deren Künstler die Dinge so zeigen wollten, „wie sie wirklich sind“, wie es Otto Dix mal beschrieb. Man reagierte ganz unmittelbar auf die Gegenwart und nahm die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Verhältnisse der Weimarer Republik in den Blick.

Elfriede Lohse-Wächtler, die sich schon früh in den Kreisen der Avantgarde bewegte, drang selbstbewusst in Männerwelten und Sperrbezirke vor, malte im Hafen und auf St. Pauli. Sie war zwar nicht die Einzige, die nun auch Prostituierte oder Arbeiter darstellte, aber ihr Stil ist eigen – weicher und weniger scharf. Der Ausdruck ist direkt und stark, aber anders als die Kollegen der Neuen Sachlichkeit zeigt sie die Menschen mit mehr Empathie.

Wegen Armut keine Malerei

Heute sind die Werke von Elfriede Lohse-Wächtler selbstverständlich in den großen Ausstellungen zur Neuen Sachlichkeit vertreten. In Hamburg, Dresden oder Pirna wurden Straßen und Gebäude nach ihr benannt, und vor ihrem Elternhaus in Dresden erinnert ein Stolperstein an sie.

Dass ihr Name dennoch kaum bekannt ist, könnte auch daran liegen, dass sie sich nicht in der Königsdisziplin verdingte, der Malerei. Sie war oft so bettelarm, dass sie sich die Arbeitsmaterialien schlicht nicht leisten konnte und vor allem auf Papier arbeiten musste. Aber obwohl sie gerade in ihren Aquarellen enorme Qualität entwickelte, leidet ihr Nachruhm darunter, dass bis heute Malerei populärer ist und als bedeutsamer gilt als Papierarbeiten.

„Bildnis des Bruders“ (1917) Foto: Privat

Dass man heute überhaupt noch von Elfriede Lohse-Wächtler weiß, ist dem Bruder Hubert zu verdanken, der sich zeitlebens bemühte, an die von den Eltern so schäbig abgeschobene Schwester Elfriede und ihr Werk zu erinnern. Auch in der Kunsthalle Vogelmann kann man ihn entdecken, sie hat den Bruder mit den dunklen Locken immer wieder porträtiert. Die Heilbronner Ausstellung gibt einen Überblick über ihr kurzes Schaffen – und erinnert an die frühen Modezeichnungen, mit denen sie begann, oder an ihre Begeisterung für den Ausdruckstanz, den sie auch selbst praktizierte.

Dunkler Schleier auch über Landschaftsbildern

Elfriede Lohse-Wächtler zeichnete auch Seebären in der Barkasse, bunte Boote im Hamburger Hafen oder Landschaften. Aber selbst über diesen Szenen in freier Natur scheint ein dunkler Schleier zu hängen – und die Ausstellung bestätigt, was schon früh über die junge, ungewöhnliche Künstlerin geschrieben wurde: „Es ist nicht gerade die heitere Seite des Lebens, der sie in einer rücksichtslosen Wahrheitsliebe, die sich auch bis zum Brutalen steigert, nachgeht.“

Die Schau in Heilbronn

Ehe
 Als junge Kunststudentin fand Elfriede Wächtler in ihrer Heimatstadt Dresden rasch Anschluss an die Avantgarde. Über Otto Dix lernte sie den Künstler Kurt Lohse kennen, heiratete ihn, aber die Ehe war unglücklich. Als sie endgültig in die Brüche ging, war Elfriede arm und obdachlos.

Ausstellung
Die Schau „Elfriede Lohse-Wächtler – Ich als Irrwisch“ in der Kunsthalle Vogelmann Heilbronn ist bis 2. November zu sehen. Geöffnet Dienstag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet, Donnerstag 11 bis 19 Uhr.

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