Ausstellung Hugo van der Goes in Berlin So spannend wie Hollywood

Die Qualität liegt im Detail: der Monforte-Altar von Hugo van der Goes. Foto: Staatliche Museen zu Berlin/Dietmar Gunne

Religiöse Kunst ist nicht allzu populär. Bei dem Maler Hugo van der Goes aus dem 15. Jahrhundert werden biblische Themen plötzlich unterhaltsam. Wie schafft er das?

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Am Ende halfen die Gebete auch nicht mehr. Der Wahnsinn ließ sich nicht aufhalten, und Hugo van der Goes wurde verrückt. Plötzlich war er überzeugt, verdammt zu sein. Dabei hatte der Maler doch schon alles getan, um Gott gefällig zu sein. Sogar seine erfolgreiche Karriere als Künstler hatte er an den Nagel gehängt, um ins Kloster zu gehen.

 

Dem Nachruhm hat es nicht geschadet, dass Hugo van der Goes geisteskrank wurde, im Gegenteil sah van Gogh in dem „wahnsinnigen Genie“ sogar einen Bruder im Geiste. Und doch ist Hugo van der Goes heute nicht mehr so bekannt, wie er es verdient hätte. Schließlich war er der wichtigste niederländische Künstler des 15. Jahrhunderts. Auch als er von heute auf morgen Laienbruder in einem Kloster bei Brüssel wurde, standen die Fürsten und Herzöge Schlange, um ein Bild von ihm zu bekommen.

Der Künstler malt im Kloster weiter

Auch im Kloster produzierte Hugo van der Goes weiter; trotzdem sind nur noch 14 seiner Werke erhalten.

Zwölf davon sind nun erstmals vereint: in der Gemäldegalerie Berlin, die selbst noch eine Tafel von seinem Monforte-Altar in ihrer Sammlung hat. Für die Sonderschau „Zwischen Schmerz und Seligkeit“ wurden aber auch Kopien zusammengetragen, die beweisen, wie stark Hugo andere Künstler beeinflusste. Es ist erstaunlich, dass die Originale auch jetzt, fast 600 Jahre nach seiner Geburt um 1440, noch so enorm frisch und lebendig wirken – obwohl Hugo van der Goes Themen darstellte, die man zu dieser Zeit eben malte: die heilige Familie, die Kreuzigung und die Krönung Marias.

Doch hier geht es weniger um das Was als um das Wie. Hugo van der Goes entwickelte eine bestechende Virtuosität und arbeitete jedes Barthaar so brillant heraus, dass man stundenlang eintauchen könnte in die zahllosen liebevollen Details. Hier entdeckt man Ärmel, die sich offenbar je nach Wetterlage an- und abknöpfen ließen. Dort hat er eine feine Hosennaht gemalt, eine Gürtelschnalle, Blüten oder einen Pelzkragen, der ihn Monate Arbeit gekostet haben wird.

Man weiß wenig von Hugo van der Goes. Sicher ist, dass er ein gläubiger Mensch war und deshalb der Tradition der religiösen Malerei folgte, über Bilder die christlichen Erzählungen und Werte zu vermitteln. Dabei ist er als Maler aber auch Theaterregisseur, der Geschichten lebendig ausschmückt – und manchmal sogar seine Szenen von einem Theatervorhang einrahmt, der gerade aufgezogen wird, damit das Spektakel beginnen kann. Die Hirten, die das Kind anbeten wollen, scheinen vor Eile schier zu stolpern. Man ahnt, dass sie gleich demütig auf die Knie fallen werden.

Van der Goes malt keine starren Szenen, sondern lebendige Momentaufnahmen, die den Blick der Betrachter einkalkulieren. Der Maler will sein Publikum also nicht nur in seinem Glauben bestärken, sondern auch möglichst gut unterhalten. Und das ist, was Hugo van der Goes so modern machte. Während die Kirche und die mittelalterliche Kunst den Blick ins Jenseits richteten und alles Irdische als nieder und nichtig abtun, ist van der Goes vom Geist der Renaissance beseelt, die das Hier und Jetzt ins Visier nimmt und dem Menschen Individualität zugesteht. Deshalb sind bei ihm die Gesichter auch nicht typisiert, sondern sieht man, dass ihm Menschen wie du und ich Modell saßen mit Schatten unter den Augen oder Sorgenfalten auf der Stirn.

Mit Präzision im Hier und Jetzt

Dieser hier angestoßene Prozess der Individualisierung dauert im Grunde bis heute an. Deshalb ist es bedauerlich, dass sich die Ausstellung so gar nicht für das Weltbild interessiert, das in den Bildern zum Ausdruck kommt, und auch nicht für die großen gesellschaftlichen Entwicklungen, die dahinter stehen. Stattdessen dreht sie sich allein um die Erkenntnisse der Kunsthistoriker und Bezüge zwischen Werken.

Für die Forschung mag es bedeutsam sein, wenn ein Gesicht auf einem Bild in der Ausstellung fast identisch auf dem Portinari-Altar in Florenz auftaucht. Dem Publikum bringen solche Hinweise herzlich wenig – zumal man letzteren nicht nach Berlin bringen konnte.

Hugo van der Goes, so lernt man in der Schau auch, habe einen eigenen Bildtypus entwickelt, das Halbfigurenbild. Hinter dem Fachterminus steckt letztlich auch mehr als nur ein akademischer Gattungsbegriff. Denn so, wie Hugo van der Goes das biblische Personal näher heranzoomte und in den Bildvordergrund holte, involvierte er das Publikum noch stärker, indem er ihm förmlich auf die Pelle rückte.

Die großen Maler vereint

Ost-West
In der Gemäldegalerie befinden sich viele hochkarätige Werke der europäischen Malerei vom 13. bis zum 18. Jahrhundert. Die Sammlung, die zu DDR-Zeiten in Ost und West aufgeteilt war, wird in einem Neubau gezeigt, der 1998 eröffnet wurde. Langfristig sollen die Bestände aber an ihren historischen Ort zurückkehren, also auf die Museumsinsel Berlin.

Info
Bis 16. Juli, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr. adr

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