Ausstellung im Esslinger Stadtmuseum „Gelbes Haus“ Menschen mit Migrationshintergrund berichten von Dankbarkeit und Diskriminierung

Eine Ausstellung wie das Leben: Im Stadtmuseum „Gelbes Haus“ wird Geschichte lebensnah mit Geschichten von Menschen mit Migrationshintergrund erzählt. Foto: Roberto Bulgrin

Ausgrenzung, Einsamkeit und Heimweh, aber auch Dankbarkeit, Unterstützung und das Finden einer neuen Heimat: Menschen mit Migrationshintergrund berichten in einer Ausstellung im Esslinger Stadtmuseum von ihren Erfahrungen.

Heute sind die meisten angekommen. Doch anfangs fühlten sich viele nicht angenommen. Kurz nach seiner Ankunft, so berichtet ein Mann, der wie viele seiner Landsleute in den 1950er und 1960er Jahren aus Italien nach Deutschland kam, gab es vor Esslinger Gaststätten Verbotsschilder mit der Aufschrift: „Für Italiener und Hunde verboten“. Viele Geschichten von Rassismus, Diskriminierung und Ablehnung hat Christiane Benecke von den Städtischen Museen Esslingen während ihrer Interviews mit Menschen mit Migrationshintergrund zu hören bekommen. Aber es gab auch Geschichten von Dankbarkeit, Unterstützung und wahr genommenen Chancen. Von Biografien mit vielen Facetten handelt die Ausstellung „Geschichten vom Ankommen in Esslingen 1945 bis heute“, die am Sonntag, 26. Februar, im Stadtmuseum „Gelbes Haus“ am Hafenmarkt in Esslingen eröffnet wird.

 

Auswanderung wegen des Brexits

Die Emotionen lagen blank. Mit 20 Zeitzeugen hat Christiane Bennecke bis zu zwei Stunden lange Interviews geführt. Menschen aus Russland, Großbritannien, Syrien, der Türkei, Italien, Rumänien oder Griechenland erzählten die Geschichten ihres Lebens.

Das umfangreiche Material hat sie zu zwei- bis dreiminütigen Kurzbeiträgen verarbeitet, die in der Ausstellung zu hören sind. Die Räume, in denen die Exponate gezeigt werden, sind laut Benecke bewusst in weißen, hellen Farben gehalten – obwohl das Thema viel Düsteres, viel Schwarzes, viel Belastendes in sich trage. Aber die Ausstellung wolle nach vorne blicken und setze ihren Schwerpunkt bewusst auf das „Ankommen“. Manchmal hätte auch ein roter Hintergrund gepasst – rot wie die Liebe. Denn auch dieses Gefühl konnte Anlass für ein Ankommen in Deutschland sein. Ein Brite kam nach Esslingen, weil es die Heimatstadt seiner Ehefrau war. Neben dem gefühlvollen gab es aber auch einen handfesten politischen Anlass: Das Ehepaar lehnte den Brexit, die Abspaltung Großbritanniens von der Europäischen Union, ab, und wollte dort nicht mehr leben.

Im Heimatland nicht mehr leben können – das war ein häufig genannter Grund für Migration. In Esslingen, so ergänzt Hansjörg Albrecht, Leiter der Städtischen Museen, leben Menschen aus etwa 145 Nationen miteinander, und ungefähr 31,4 Prozent der Einwohner hätten keinen deutschen Pass. Daher habe sich eine Auseinandersetzung mit dem Thema geradezu aufgedrängt. Schon vor zwei Jahren hatte das Museum eine Ausstellung über Migrationserfahrungen geplant – doch Corona hatte die Bemühungen ausgebremst. Nun wurde der Plan umgesetzt. Über einen Bericht in dieser Zeitung, die eigene Homepage und andere Kanäle wurden Menschen gesucht, die bereit waren, von ihren Erlebnissen zu berichten.

Putzlappen in der Suppe

Spannende Lebensgeschichten hat Christiane Benecke aufgezeichnet. Ein nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus dem Böhmerland in der heutigen Tschechischen Republik nach Deutschland gekommener Heimatvertriebener berichtet von der Unterbringung in einer Baracke: 28 Menschen hätten sich in einen einzigen Raum gedrängt. Kochmöglichkeiten habe es keine gegeben. Daher sei das Essen geliefert worden. Einmal seien Teile von Putzlappen in der Suppe geschwommen, ein anderes Mal seien Regenwürmer aus den Mahlzeiten gekrochen.

Seine Geschichte ist in einer Kurzversion in der Ausstellung zu hören. Ergänzt werden die Video- und Audio-Interviews durch Erinnerungsstücke von Menschen an die ehemalige Heimat oder an den Weg nach Esslingen: „Außerdem sind Objekte aus der Sammlung des Stadtmuseums und historische Dokumente und Fotografien aus dem Stadtarchiv zu sehen.“ Das Stadtmuseum wird damit auf lebensnahe Weise seinem Bildungsauftrag gerecht, betont Hansjörg Albrecht. Begleitend zur Ausstellung ist ein Flyer erschienen, in dem Fachbegriffe wie Asyl, Exil oder Migration erklärt werden. Das Heft könne jeder am Eingang mitnehmen, so der Museumsleiter. Die Besucher dürften es behalten oder zurückgeben – je nachdem, wie tief sie in das Thema eindringen wollen.

Pliensauvorstadt als neue Heimat

Aber auch der reine Ausstellungsbesuch vermittelt viele Informationen. Berichtet wird über die 7000 Letten, die nach 1945 in Esslingen untergebracht wurden. In der Pliensauvorstadt mussten laut Christiane Benecke die Bewohner ihre Wohnungen räumen, damit dort die Geflüchteten aus Lettland untergebracht werden konnten – für beide Seiten keine sehr glückliche Entscheidung. Doch die meisten ihrer Interviewpartner, so das Fazit von Bennecke, fühlten sich nach einem oft schwierigen Ankommen nun in Esslingen angenommen.

Ausstellung im Stadtmuseum „Gelbes Haus“ in Esslingen

Ausstellung
 „Geschichten vom Ankommen in Esslingen 1945 bis heute“ ist von Sonntag, 26. Februar, bis Sonntag, 15. Oktober, im Stadtmuseum „Gelbes Haus“ am Hafenmarkt 7 in Esslingen zu sehen. Inhalt sind die Biografien und Erfahrungen von Menschen mit Migrationshintergrund in Esslingen.

Öffnungszeiten
 Öffnungszeiten für die Ausstellung sind dienstags bis samstags von 14 bis 18 Uhr sowie sonntags und feiertags von 11 bis 18 Uhr. Montags und am Karfreitag bleibt die Ausstellung geschlossen. Am Ostermontag, 10. April, und am Pfingstmontag, 29. Juni, ist sie von 11 bis 18 Uhr geöffnet.

Extras
Begleitend zu der Ausstellung ist ein umfangreiches Begleitprogramm mit Vorträgen, Podcasts, öffentlichen Führungen oder Erzählcafés zusammengestellt worden.

Mehr zum Thema steht unter www.museen.esslingen.de oder www.museen.esslingen.de/angekommen

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