Bis Mitte August kann man in Stuttgart eine Kopie des berühmten Turiner Grabtuchs bestaunen, das angeblich Jesus abbildet. Einige Indizien sprechen dafür, dass das tatsächlich der Fall ist.

Stuttgart - Auf den ersten Blick: ein vergilbtes Leinen, mit Brand- und Löschwasserspuren. Auf den zweiten indes sieht man eine Spur bräunlicher Flecken. Jesu Körperumriss? Denn das Laken, das da im Haus der Katholischen Kirche Stuttgart präsentiert wird, ist eine autorisierte Kopie des Turiner Grabtuchs.

Und das soll den Leichnam Christi umhüllt haben. Die Bestätigung dafür schien im Jahr 1898 gefunden zu sein. Zum 400. Geburtstag des Turiner Doms ließ König Umberto I. diese heiligste Reliquie der Stadt von Secondo Pia, Amateurfotograf und Rechtsanwalt, ablichten. Der entdeckte beim Entwickeln auf der 4,36 Meter langen und etwa einen Meter breiten Stoffbahn Unglaubliches: Auf dem Negativ erschien das Antlitz eines Mannes, der Blutflecken, Spuren von Folterung und Verletzungen aufwies.

WWir laden ein, auf Suche zu gehen“

„Wer ist der Mann auf dem Tuch? Eine Spurensuche“ heißt denn auch die Wanderausstellung der Malteser, die in Stuttgart für sechs Wochen Station macht. „Unser Glaubensproprium lautet Glaube und Hilfe, die Ausstellung soll im Glauben helfen“, erklärt Bettina von Trott zu Solz, ehrenamtliche Kuratorin der Schau. „Wir laden ein, auf die Suche zu gehen.“

Die moderne Wissenschaft beschäftigt sich seit mehr als drei Dekaden mit dem sogenannten Tetradiplon, dem „doppelt vierfach gefalteten Tuch“, das im Jahr 30 in Edessa auftauchte und über Konstantinopel, Troyes und andere Orte dann 1578 bei den Herzögen von Savoyen in Turin landete. Der Historiker Michael Hesemann, der die Schau wissenschaftlich berät, ist überzeugt: „Die hundertprozentige Korrelation der Spuren auf dem Grabtuch mit dem, was wir heute über die Kreuzigung Jesu wissen, lässt kaum einen anderen Schluss zu als den, dass es Christi Leichentuch war.“ Die Radiokarbondatierung der 80er Jahre, die ein kleines Stück des Stoffs in die Jahre 1260 bis 1390 platzierte und damit die Jesus-Theorie vom Tisch wischte, sei widerlegt. Es sei kontaminiert gewesen von den vielen Menschen der späteren Jahrhunderte. Zu den harten Fakten gehörten indes Pflanzenpollen, die nur im März/April zwischen Hebron und Jerusalem blühten, und Gesteinspartikel an den Fußsohlen, die dem Straßenstaub von Jerusalem entsprächen.

Das Blut weist einen DNA-Marker auf

„Der Mann auf dem Grabtuch hatte die heute seltene Blutgruppe AB“, so Hesemann. Diese besaßen nach Studien der Universität Tel Aviv rund 50 Prozent der Bewohner Judäas im 1. Jahrhundert. Zudem weise das Blut einen DNA-Marker auf, der ihn als Mitglied des jüdischen Priesterstammes der Leviten ausweise. „Marias Mutter Anna soll Levitin gewesen sein.“ Schließlich gebe es noch den Abdruck einer Fehlprägung des Pontius Pilatus, die Münze von 29/30 existiere nur dreimal. Diese, eine Geißel und Schnüre, wie sie die Römer zum Auspeitschen und Fesseln nutzten, sind Teil der Schau, auch eine Dornenhaube, wie sie Jesus getragen haben soll.

Diese Indizien lockten bereits zahlreiche Besucher zu bisher 15 Stationen der Schau, der 100 000. könnte in Stuttgart kommen. Die nächsten eineinhalb Jahre seien verplant, so von Trott. „Wir haben Anfragen aus Dänemark, Großbritannien und Osteuropa.“ An das Haus der Katholischen Kirche vermittelt haben die Ausstellung Claudia Kohlhäufl, Diözesanoberin der Malteser, und Karl-Eugen Erbgraf zu Neipperg, Leiter der Malteser in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Hermann Merkle, Leiter des Hauses der Katholischen Kirche, meint: „Wir zeigen Themen zu zeitgenössischer Kunst und Glauben. Reliquien sind etwas traditionell Katholisches. Aber sie gibt es auch im Profanen, etwa das verschwitzte Handtuch eines Rockstars, das Fans verehren.“