Der Terror der Nazis war nicht weit weg, sondern vollzog sich vielfach in der Nachbarschaft. Das zeigt eine Wanderausstellung im Hotel Silber, die sich mit den vielen Außenlagern des KZ Natzweiler-Struthof im Südwesten beschäftigt.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Klein ist die Ausstellung – nur einen Raum groß – und doch sehenswert und einprägsam: „Das KZ vor der Haustür“ lautet der prägnante Titel der vom Landesamt für Denkmalpflege zusammengestellten Wanderschau im Erdgeschoss des Lern- und Gedenkorts Hotels Silber in Stuttgart. Sie thematisiert die insgesamt 35 Außenlager und dazugehörigen Zwangsarbeiterstätten des im Elsass gelegenen Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof, die im deutschen Südwesten angelegt wurden. Fünf davon befanden sich im Großraum Stuttgart – in Echterdingen, Unterriexingen, Vaihingen/Enz und in Leonberg (2). Die Außenlager wurden häufig in Schulen, Kasernen oder Flugzeughangars eingerichtet oder in Form von Barackenlagern neu gebaut.

 

In Leonberg mussten 5000 Häftlinge Zwangsarbeit leisten

Eine Besonderheit der Ausstellung ist: Sie zeigt Funde, die bei Forschungsgrabungen in den Lagern entdeckt wurden – von der Patronenhülse über Stacheldrahtreste und Werkzeuge bis zur ausgedrückten Essenstube. Gleichzeitig vermittelt die Präsentation einen Eindruck von dem weitverzweigten Lagersystem der Nazis. Unter dem wachsenden Druck der Alliierten entstanden ab 1943 zahlreiche Außenlager, deren Insassen für die Rüstungsproduktion herangezogen wurden – so etwa in Leonberg, wo insgesamt 5000 Häftlinge der beiden dortigen KZ-Lager vom Frühjahr 1944 bis zum Frühjahr 1945 im alten Engelbergtunnel Tragflächen der Messerschmitt ME 262 montieren mussten. In Leonberg existiert dazu eine eigene Gedenkstätte. „Der KZ-Terror wurde durch die Außenlager allerorten sichtbar“, betont das Landesamt für Denkmalpflege: „Das KZ vor der Haustür wurde zur geläufigen Erscheinung“. Wegschauen, Nichtwissenwollen ging von da an nicht mehr.

Rund 50 000 Häftlingen aus etwa 30 Ländern

Die Ausstellung, die vom Hotel Silber aus auf Wanderschaft gehen wird, fußt auf einem mehrjährigen Projekt der Denkmalpfleger, die eine systematische Bestandsaufnahme der Lagerrelikte anstreben. Das Landesamt sieht sich hier ausdrücklich gefordert: „Die Archäologie hat das Potenzial solcher Hinterlassenschaften als historische Quelle für die Erforschung von Ausgrenzung und Entmenschlichung erkannt.“ Aufgabe der Denkmalpflege sei es, für die Zivilgesellschaft und die Forschung noch erhaltene Relikte zu schützen. Bei der genauen Lokalisierung der Lager bediente man sich unter anderem alliierter Luftaufnahmen. Unterstützt wird das Projekt durch die ehrenamtlich geleiteten Gedenkstätten.

Im Natzweiler-Struthof und den Außenlagern, von denen sich 15 auf französischem Gebiet befanden, waren nach heutigen Erkenntnissen im Laufe des Krieges rund 50 000 Menschen aus etwa 30 europäischen Ländern interniert – zwischen 14 000 und 20 000 Häftlinge überlebten die KZ-Haft und die Zwangsarbeit nicht. Beim Näherrücken der Alliierten 1945 wurden die noch bestehenden Lager geräumt und die Insassen in Todesmärschen Richtung des KZ Dachau getrieben.

Das KZ vor der Haustür: bis 11. August 2024 im Hotel Silber, Dorotheenstr. 10, S-Mitte; dienstags bis sonntags 10-18 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr; Eintritt frei