Ausstellung im Kunstverein Der durchleuchtete Mensch

Von Petra Mostbacher-Dix 

Die Jahresschau der Künstlermitglieder des Württembergischen Kunstvereins hat diesmal das Thema „2041 – Endlosschleife“. Es basiert auf George Orwells Roman „1984“. Doch längst hat die Realität bekanntlich die Fiktionen von Autoren wie Orwell, Aldous Huxley oder Stanislav Lem überholt.

Raul L. Garcia: „American Dream“, 2006 Foto:  
Raul L. Garcia: „American Dream“, 2006 Foto:  

Stuttgart - Schnell schiebt der Mann den Kinderwagen über das Pflaster. Immer wieder dreht er sich um, als wolle er der Frau hinter ihm samt Hund Beine machen. Zwei Damen flanieren, eine Taube pickt hektisch. „Choreografie für 992 Menschen, 105 Tauben und 5 Hunde“ nennt Martina Geiger-Gerlach ihr einstündiges Video vom Stuttgarter Marktplatz. Diese „behauptete Inszenierung“, in der nichtsahnende, anonyme Bürger die Hauptdarsteller sind, ist in der Jahresausstellung der Künstlermitglieder des Württembergischen Kunstvereins zu sehen. Das Thema, das seit 2005 von einem künstlerischen Beirat festgelegt wird, lautet diesmal „2041 – Endlosschleife“. Es basiert auf George Orwells Roman „1984“ über einen totalitären Über­wachungsstaat im Jahr 1948, der zu seinem Titel kam, indem er die letzten Ziffern der Jahreszahl vertauschte. Doch längst hat die Realität bekanntlich die Fiktionen von Autoren wie Orwell, Aldous Huxley oder Stanislav Lem überholt. Begriffe wie Stasi, NSA, Terrorstaat, Konsumterror und anderes mehr kommen einem im Kunstverein in den Sinn.

Raúl López Garcías Gemälde einer Röntgenaufnahme, wo der durchleuchtete Mensch mit einem Barcode versehen ist. Nähert man sich Alfons Kollers Fahrzeug- und Menschenmotiven auf Toastbrot, entpuppen sich diese als pittoreske Kriegsszenerien samt Panzer und Fliegern. In Sebastian Roglers Kartonagen „Aber das wussten wir ja alles schon“ lauert die Vergangenheit in rostigen Erinnerungen. Hier ein Gesicht, nicht identifizierbar, dafür die Form einer Militärmütze, dort ein Familienporträt, das sich aufzulösen scheint. Während Claude Horstmann ganze Territorien in einem einzigen kalligrafischen Schriftzug arabischer Lettern vereint – die Städte Marrakesch und Rabat –, scheinen die Menschen in Thomas Hegers Tondo „Kleine Welt 5“ vereinsamt im Kreis zu laufen.

Längst regiert die Macht des Geldes

Stur im Loop lässt Oliver Wetterauer zwei Nashörner wie einst der Autor Eugeène Ionesco über die Ränder einer kleinen, ornamental angelegten Leinwand stapfen, während Uwe H. Seyl den alltäglichen Wahnsinn aufspürt: In seiner Fotografie amüsieren sich Menschen vor einem Plakat mit eine sexy Blondine samt Maschinengewehr unter der Überschrift „Try one! Shot a real machine gun“. In der Fotoinstallation der Architekturtheoretikerin Yvonne P. Doderer mit Architekturmodellen und antiken Skulpturen kommt der französische Medientheoretiker Jean Baudrillard zu Wort, der meint, dass unsere Welt vom Prinzip der Simulation kontrolliert wird. Entsprechend kopiert das Künstlerduo Köperl/Winkler einen Kollegen: In „Guillaume Bijl“ lichtet sie den „Plenarsaal“ im Kunstgebäude am Schlossplatz ab und ­bieten das Produkt als massentaugliche Postkarte an.

Klar, längst regiert der Konsum, die Macht des Geldes. Der scheinbar aufgeklärte Bürger liefert dafür gern freiwillig seine Daten, wie einige Exponate, etwa Danielle Zimmermanns Riesenassemblage mit Versatzstücken der Warenwelt, vor Augen führen. Andere wiederum zeigen in Endlosschleife das Künstlerprekariat. So präsentiert Ulli Heydt Lebensbilder, Jürgen Palmer einen Mann, der auf sich selbst blickt, Veronika Weigel sagt im Blümchenkleid vor Blümchentapete „Ja“ und Oana Paula Vainer nutzt die Rechnungen der vergangenen Monate als Musiknoten.

Es ist eine bei aller Heterogenität – wie es in einer Mitgliederschau trotz thematischer Ausrichtung nicht anders sein kann – sehenswerte Darbietung, schon weil die „Endlosschleifen“ in eine sehr gelungene Ausstellungsarchitektur eingebettet sind.