Ausstellung im Wilhelmspalais Harte Arbeit ist den Bildern nicht anzusehen

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Der Künstler Clemens Schneider stellt das Papier für seine großformatigen Kunstwerke selbst her.

Der Künstler Clemens Schneider hat sich von Musik der US-amerikanischen Komponisten Philip Glass und Steve Reich zu seinen Bildern inspirieren lassen. Foto: Michael Steinert
Der Künstler Clemens Schneider hat sich von Musik der US-amerikanischen Komponisten Philip Glass und Steve Reich zu seinen Bildern inspirieren lassen. Foto: Michael Steinert

Stuttgart - Das Machen von Kunst ist manchmal richtig harte Arbeit, mit spürbaren Folgen wie Muskelkater, Leistenbruch und Kopfweh, resultierend aus dem Einsatz einer Fräsmaschine, dem Hämmern von Metall und dem Zerschlagen alter Stoffe mit einer Axt. Anderthalb Jahre hat Clemens Schneider an den Bildern für seine Ausstellung gearbeitet – das reine Zeichnen ist dabei manchmal in den Hintergrund getreten. Weil der Stuttgarter für seine Landschaften Platz braucht und keinen Papierhersteller gefunden hat, der die benötigten überdimensionalen Formate herstellt, hat Clemens Schneider angefangen, selbst Papier herzustellen. Aus alten T-Shirts, Tischdecken, Lumpen, Jeans, ausrangierten Ölbildern und Sofabezügen.

Er hat Glück, dass er für seine großen Bilder auch einen großen Raum gefunden hat: im Wilhelmspalais. Noch bis zum 3. März sind dort seine Arbeiten zu sehen. Im ersten Stock deutet nichts mehr darauf hin, dass hier einmal die Stadtbücherei zu finden war. Schneiders größtes Bild – es ist drei auf vier Meter – hängt mitten im Raum, befestigt an zwei Säulen.

In der Ecke steht die selbst gebaute Maschine, mit der Schneider aus alten Stoffen Papier herstellt. Holländer heißt das Teil, das vor 300 Jahren in Holland erfunden worden ist und aussieht, als hätte es der Fernsehtüftler Peter Lustig in der alten Kindersendung Löwenzahn gebastelt. Clemens Schneider ist froh, dass er heutzutage die Möglichkeit hat, die Maschine mit Strom laufen zu lassen, anders als die Holländer früher. Anstrengend genug ist die Prozedur auch so. Erst weicht er alte Stoffe zwei Wochen lang ein. Danach hackt er diese mit einem Beil in Fetzen. Diese landen dann in der Wanne und werden von einer sich drehenden Messerwalze zermahlen. Mit einem Suppenlöffel streicht Schneider die Pampe auf ein Sieb aus Jute. Wenn die glatt gestrichene Masse getrocknet ist, zieht er sie vom Sieb ab – fertig ist das Papier. Und das ist schon ein Kunstwerk.

Die überdimensionalen Bilder sind in einer Garage entstanden

„Ich bin dafür an meine körperlichen Grenzen gegangen“, sagt Clemens Schneider über die Zeit, als er den Holländer selbst gebaut und das erste Papier hergestellt hat. „Alles, was danach passiert, ist vergleichsweise Pipifax.“

Mit „danach“ meint der 38-jährige Künstler insbesondere das Zeichnen, das sich bei ihm immer wieder mit einer Phase des Malens in Öl abwechselt. Bleistift, Tafelkreide und Kohle hat er – unter dem Einfluss von Musik – zur Gestaltung der jetzt gezeigten Bilder eingesetzt. Das mit der Musik hat Clemens Schneider früher instinktiv gemacht. Von seinem Professor an der Stuttgarter Kunstakademie hat er während des Studiums gelernt, dass das bei ihm dazugehört. Inspiration bekommt Schneider durch Musik, und diese wandelt er in Bilder um. Diesmal haben ihn Klänge der Komponisten Philip Glass und Steve Reich angeregt. Herausgekommen sind Landschaften, manchmal fließend, manchmal explosiv.

Außergewöhnlich ist, dass die überdimensionalen Landschaftsbilder in einer Garage entstanden sind. In der Doppelgarage in der Nähe der Paulinenbrücke – mit Mühe und Not würden in diese drei kleine Autos passen – lebt und arbeitet Clemens Schneider. Typisch Künstler, will man da sagen. Er sieht die Sache einfach pragmatisch und freut sich, dass er eine tolerante und freundliche Vermieterin hat.

Die Nachbarn des Künstlers müssen ebenfalls ziemlich nett sein: Es gab immerhin keine Beschwerden, als er wochenlang gefräst und gehämmert hat, um den Holländer zu bauen. „Da habe ich trotz Ohrenschützer Kopfweh bekommen“, sagt Clemens Schneider. Seinen großformatigen Bildern sieht man die harte Arbeit nicht an. „So soll es auch sein. Wäre ja auch blöd, wenn ein Balletttänzer die ganze Zeit mit Schmerz verzerrtem Gesicht tanzen würde“, so Schneider.

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