Ausstellung in Berlin Kreativ unter der Sonne Kaliforniens

Von Elke Linda Buchholz 

Die Kunstszene Kaliforniens steht im Schatten von New York. Das soll sich ändern. Der Berliner Gropiusbau präsentiert die Kunstszene von Los Angeles: „Pacific Standard Time“.

Die Kunstszene Kaliforniens stand immer im Schatten von New York – doch das soll sich nun ändern. Foto: Ed Ruscha
Die Kunstszene Kaliforniens stand immer im Schatten von New York – doch das soll sich nun ändern. Foto: Ed Ruscha

Los Angeles - In Los Angeles ticken die Uhren anders: Wenn in New York ein neuer Tag anbricht, herrscht an der Westküste noch tiefe Nacht. Schon immer stand die Kunstszene Kaliforniens im Schatten von New York, dem nach dem Zweiten Weltkrieg tonangebenden Kunstzentrum. Das soll sich jetzt ändern: Zehn Jahre lang hat das renommierte, in L.A. angesiedelte Getty Research Institute geforscht, es hat die mittlerweile betagten Protagonisten der Szene befragt sowie Archive und Nachlässe durchforstet. Diese Feldforschungen mündeten 2011 in ein Kunstfestival mit sechzig Institutionen. Die Ausstellung „Pacific Standard Time“ bringt nun mit siebzig Werken von fünfzig Künstlern aus der Zeit zwischen 1950 und 1980 ein starkes Kondensat davon nach Berlin, die einzige Station der Getty-Ausstellung in Europa.

„Splash“! Mit einem laut­losem Riesenplatscher verschwindet auf David Hock­neys berühmtem Gemälde „The Bigger Splash“ der Schwimmer im kühlen Blau des Swimmingpools. Das ganze Klischee des hedonistischen Westcoast-Lifestyle ist in diesem Bild des in England geborenen Wahlkaliforniers mit perfekter Coolness eingefangen. Doch die Kuratoren der Schau wollen zeigen, dass die kalifornische Kunst mehr ist als Sonne, Strand und Palmen. Gleich der erste Raum im Martin-Gropius-Bau konfrontiert widerstreitende Ansätze und Stile. Abstraktes von wenig bekannten Künstlern wie dem farbenfreudigen Lee Mullican oder von exakt komponierenden Hard-Edge-Vertretern wie Karl Benjamin und Helen Lundeberg trifft unvermittelt auf die monumentalisierte Pop-Art eines Ed Ruscha, der eine Standard-Oil-Tankstelle im Großformat auf die Leinwand pinselte. Am besten also, man vergisst alle Stilkategorien und Entwicklungsthesen und lässt sich überraschen.

Vor einem wandfüllenden blau glasierten Keramikrelief von 1959 steht der zur Eröffnung nach Berlin gereiste Künstler John Mason und wird gefragt, welche Idee dahinterstecke. „Wissen Sie“, antwortet der 85-Jährige, „das ist lange her. Manche Dinge müssen einfach gemacht werden.“ Riesige Tonbatzen schleuderte er auf den Boden, um sein abstraktes Relief zu kreieren: abstrakter Expressionismus mit den Mitteln der Keramik. So etwas hatte noch niemand gewagt. Gerade die oft als dekoratives Kunsthandwerk belächelte Keramik reizte eine Gruppe von Künstlern in Los Angeles zu Experimenten.

Wer Karriere machen wollte, verließ Los Angeles

Andere, wie Norman Zammitt oder Craig Kauffman, testeten lieber moderne Materialien aus der lokalen Flugzeugindustrie wie Plastik, Fiberglas und Aluminium. Der 1936 geborene De Wain Valentine goss Polyesterharz zu einer übermannshohen, farbig transparenten Linse, die frei als Skulptur im Raum steht. Mary Coarse überkrustete ihre monochrom weiße Leinwand mit winzigen Glaskügelchen – und einem Hauch von Glamour. Statt mit theoretischen Debatten verblüffen die Kalifornier durch optische Effekte und ausgefuchste Wahrnehmungsirritationen. Und der Meister der minimalistischen Farblichtzauberei, James Turrell, ist mit einem eigenen Raum vertreten.

Zur Eröffnung reiste auch Judy Chicago, die in den siebziger Jahren als Pionierin der feministischen Kunst hervortrat, nach Berlin. Von ihr sind im Gropiusbau kaum bekannte frühe Arbeiten zu sehen, etwa eine mit Autolack besprühte Motorhaube, deren farbkräftige Motive wie totemistische Zeichen auf männliche und weibliche Codes verweisen sollen. Voll in den Alltag griffen Assemblage-Künstler wie Ed Moses und Noah Purifoy, die zerknüllte Zeitungen, Trümmerteile, angekohltes Holz und gefundene Fotos zusammenleimten. Der ­Vietnamkrieg politisierte auch in L.A. die Kunstszene. Eine Ausstellung wurde wegen Pornografievorwurfs geschlossen. Solche Geschichten dokumentiert ein eigener Ausstellungsteil mit Plakaten, Künstlerpostkarten, Fotos und Videointerviews. Besser ist diese kleinteilige Informationsflut im Katalog aufgehoben, der sich als materialreiches Handbuch empfiehlt.

Wer international Karriere machen wollte, der aber verließ Los Angeles, wo es nach 1945 noch kein etabliertes Netzwerk aus Galerien, Sammlern und Kritikern gab. Manche, etwa der Konzeptkünstler John Baldessari und Bruce Nauman, wurden überhaupt zuerst in Europa entdeckt. Und Edward Kienholz kam 1973 als Stipendiat nach Berlin und schuf hier seine legendäre Werkgruppe „Volksempfänger“ aus Fundstücken von diversen Flohmärkten. Alte Radios, Waschbretter, Feldflaschen, Puppen und Möbel orchestrierte er mit dadaistischem Humor zu einem kakofonischen Diorama der zerklüfteten deutschen Geschichte, untermalt mit dem Sound aus Wagners „Götterdämmerung“.

Dieses Meisterwerk aus der Berliner Nationalgalerie bestreitet zusammen mit einem gewaltigen Gemälde von Sam Francis den stärksten Raum der ganzen Ausstellung. Die acht Meter hohe Leinwand „Berlin Red“ malte Sam Francis 1969 als Auftragsbild für den Mies-van-der-Rohe-Bau. Doch irgendwann verschwand das Bild zusammengerollt im Depot. Schwebend, mit einer atemberaubenden Kraft und Leichtigkeit, verfließen auf der weißen Riesenleinwand amorphe Farbplaneten in leuchtendem Rot, Orange, Petrol, Ultramarin und Frühlingsgrün. Wie schön, dass solch ein vergessenes Juwel durch das Gastspiel der Kollegen aus Kalifornien wieder aus der Versenkung aufgetaucht ist!




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