Ausstellung in Bietigheim-Bissingen Schau zeigt „Wolken in der Kunst“

Berend Goos war ein talentierter Wolkenmaler, wie die Studie von 1852 zeigt. Foto: Museumsberg Flensburg

Seit Jahrhunderten arbeiten sich Künstler am Thema Wolken ab. Was suchen sie beim Blick in den Himmel? Die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen fragt nach.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Es ist die Königsdisziplin. Einen Würfel abzumalen, das mag man noch hinbekommen, ein Gesicht ist schon höhere Kunst. Aber Wolken zu malen, das ist wahrlich nicht jedem gegeben. Kaum hat man den Pinsel in den Farbtopf getunkt, ist das Motiv schon wieder entglitten und sind neue Formen entstanden. Wolken besitzen keine festen Konturen, sind obendrein räumlich, reflektieren das Licht und liefern ständig andere Farbnuancen. Da muss man schon viel Talent mitbringen, um das Himmelsschauspiel überzeugend auf der Leinwand wiederzugeben.

 

Rosa Wattebäusche, weiße Schleier – „Wolken in der Kunst“

Wohl deshalb gibt es kein Motiv, an dem sich die Maler über die Jahrhunderte hinweg so emsig abgearbeitet haben. Entsprechend hatte die Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen leichtes Spiel, Beispiele zu finden für ihre neue Ausstellung „Dem Himmel so nah – Wolken in der Kunst“. Denn Wolken kann man in so ziemlich allen Kunstepochen finden – große und kleine, Kumulus und Stratus, weiße Schleier, rosa Wattebäusche und schwarze Gewitterwolken.

In Zeiten der Fotografie und digitalen Bildbearbeitungen hat es die Malerei schwer, sich noch Gehör zu verschaffen. Das sah um 1690 anders aus. Da konnte der Niederländer Ludolf Backhuysen mit seinem hochdramatischen „Schiffbruch des Heiligen Paulus bei Malta“ glänzen und beim Publikum mit Dramatik süßen Schauder erzeugen. Und auch der Bietigheimer Maler Gustav Schönleber evozierte 1889 mit seiner „Gewitterstimmung bei La Panne“ das Gefühl, dass man lieber schnell im Haus Zuflucht suchen sollte.

Von Dürer bis Richter – alle malten Wolken

Alle haben sie irgendwann Wolken gemalt – Erich Heckel und Emil Nolde, Gerhard Richter und natürlich auch Albrecht Dürer. Zu seiner Zeit herrschte im Himmel noch Hochbetrieb. Engel saßen auf den Wolken, als wären es gemütliche Sofas. Hier flatterte eine Friedenstaube umher, dort gab sich der liebe Gott höchst selbst die Ehre. Heute ist da deutlich weniger geboten und steht der Himmel für eine geheimnisvolle Leere, die eine Ahnung gibt, dass das Universum mehr zu bieten hat als unsere nebensächliche Existenz.

Wobei die Kondensstreifen der Flugzeuge, die auf einer Fotografie von Almut Linde zu sehen sind, längst nicht mehr der einzige Beleg dafür sind, dass der Mensch dabei ist, in den Himmel vorzudringen. Als der Künstler Bjørn Melhus Stipendiat der Villa Massimo in Rom war, entdeckte er am Himmel eine leuchtende „Perlenkette“. Es war eine Formation der Satelliten von Elon Musks Firma SpaceX, deren Lichter sich zunächst in einer Reihe befanden, bevor sich die Satelliten auf ihre vorgesehenen Umlaufbahnen verteilten. Das hat Melhus zu einer Computeranimation zur Apokalypse inspiriert, bei der der Himmel wieder bevölkert ist mit Pferden und Hosianna blasenden Engeln, aber auch Explosionen, Monstern und Händen, die in die Höhe greifen, als hofften sie auf Hilfe von oben.

Amüsant, aber steinig: „Wolkentreppe“

So vielfältig die Beispiele in der Ausstellung in Bietigheim-Bissingen sein mögen, ein wenig uninspiriert wirkt die Schau schon, weil erst gar nicht der Versuch unternommen wurde, den vielen verschiedenen Wolken auch inhaltlich auf die Spur zu kommen und vielleicht doch ein paar neue, überraschende Gedanken zum Thema zu entwickeln. So reihen sich eben verschiedenste Stile und Ideen aneinander – und man staunt etwa über eine Art Schnurvorhang von Anna Grath, auf dem das Foto eines bewölkten Himmels zu sehen ist. Da ist die „Wolkentreppe“ von Geoffrey Hendricks amüsanter: Es ist ein Holzkasten mit Stufen, auf dem Steine liegen, denn der Weg nach oben ist kein leichter.

Caspar David Friedrich schien in engem Kontakt zum göttlichen Himmel zu stehen und hat mit seinen religiös aufgeladenen Szenen in der Natur Maßstäbe gesetzt. Deshalb greift der japanische Künstler Hiroyuki Masuyama immer wieder auf die Motive des Romantikers zurück. So meint man auf den ersten Blick in der Städtischen Galerie ein Werk von Friedrich zu entdecken. Doch was da auf einem Leuchtkasten nicht mehr göttlich, sondern technisch strahlt, ist in der Gegenwart verortet, denn Hiroyuki Masuyama stellt die Szenen im Hier und Heute nach.

Dem Himmel so nah – Wolken in der Kunst: Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen. Bis 1. März. Geöffnet Di, Mi, Fr 14–18 Uhr, Do 14–20 Uhr, Sa, So 11–18 Uhr

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