Ausstellung in Fellbach Verdiente Würdigung für Ingrid Seddig

Blick in den von Ingrid Seddig entworfenen Chorraum der Melanchthonkirche Fellbach, die demnächst abgerissen wird. Foto: Peter D. Hartung
Blick in den von Ingrid Seddig entworfenen Chorraum der Melanchthonkirche Fellbach, die demnächst abgerissen wird. Foto: Peter D. Hartung

Die Galerie der Stadt Fellbach erinnert an das Wirken der 2008 verstorbenen Bildhauern aus Leutenbach-Nellmersbach und zeigt zahlreiche ihrer Exponate

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Fellbach - Keine übertriebene, sondern eine wohl realistische Feststellung: fast jede Fellbacherin und jeder Fellbacher ist schon mal an einem ihrer Werke vorbeiflaniert. Hat es womöglich genauer inspiziert, es angefasst, ist in Kindertagen womöglich darauf geklettert, hat es berührt oder sich berühren lassen. Wer all diese Skulpturen, Raumgestaltungen oder Altarkreuze geschaffen hat, ist allerdings bei Weitem nicht so geläufig, wie es angemessen wäre. Das will die Galerie der Stadt Fellbach jetzt ändern. Sie präsentiert von der kommenden Woche an in ihren Räumen am Marktplatz eine Ausstellung unter dem Titel: „. . . und nicht zu vergessen – Ingrid Seddig“.

Gleich zwei Anlässe gibt es für die von Galerieleiter Heribert Sautter kuratierte Ausstellung. Da ist zum einen das Jubiläum 900 Jahre Fellbach, in dessen Zusammenhang man an eine der Künstlerinnen erinnert, die über Jahrzehnte viele Exponate für Fellbach geschaffen hat. Doch „besondere Aktualität“, so Sautter, „gewinnt die Ausstellung durch den beschlossenen Abriss der Melanchthonkirche, deren Chorraumgestaltung von Ingrid Seddig stammt. Taufstein und Ambo sind herausragende Arbeiten der Künstlerin.“

Brunnen in der Küfergasse

Man verliert jedenfalls fast den Überblick bei der Auflistung all der Fellbacher Arbeiten der 2008 im Alter von 82 Jahren verstorbenen Künstlerin. Mit zu den bekanntesten Exponaten gehört sicherlich der Brunnen in der Schmidener Küfergasse. Erstellt wurde das Wasserspiel 1992 zur Ortskernsanierung. „Blickfang des Platzes ist eine mannshohe Brunnenfigur, in die ein säender Landmann und ein Schmid mit Amboss eingearbeitet sind“, hieß es seinerzeit in unserer Zeitung.

Beeindruckend sind auch ihre Auftragsarbeiten für die evangelische Kirche. So das Altarkreuz und das Lesepult in der Lutherkirche, die Portale aus Bronze der Pauluskirche, die Türgriffe der Dionysiuskirche, der Taufstein in der Johanneskirche Oeffingen, diverse Elemente im Dietrich-Bonhoeffer-Haus Schmiden. Auch die Wandgestaltung aus Travertin in der Schwabenlandhalle haben viele schon gewürdigt. Überregional bekannt ist zudem ihr in Bad Cannstatt stehendes Mahnmal aus Bronze für die Opfer der Vertreibung.

Auftragsarbeiten der evangelischen Kirche

„Die menschliche Figur war von Beginn an Grundlage ihres künstlerischen Schaffens“, erläutert Sautter. „Mit zunehmender Abstraktion und Reduktion der Formen näherte sie sich der Moderne an.“ Allerdings widerstrebte sie dem allgemeinen Trend der deutschen Nachkriegsplastik, die ihren Ausdruck meist im Abstrakten fand. Seddig „fand ihre Nische schließlich in der religiösen Kunst, generell in Themenbereichen, in denen Erzählung eine Rolle spielt, die in einem ganz konkreten Sinne verstanden werden will“.

Doch nicht nur in den Aufträgen der Kirche, auch in ihren freien Arbeiten zumeist in Bronze oder Holz zeigt Ingrid Seddig ihr großes Talent für eine klare und überindividualisierte Charakterisierung der Figuren, die ihr stets als Transportmittel religiöser und menschlicher Inhalte dienten. Inspirieren ließ sie sich oft von der Tierwelt. Das Gipsmodell eines Kirchenhahns habe sie einst von ihrem ursprünglichen Berufswunsch Modeschöpferin ab- und zur Bildhauerei hingebracht, bekannte sie im Februar 2001 im „Treffpunkt Rathaus Rommelshausen“ anlässlich einer Vernissage, die mehr als 250 Kunstinteressierte anlockte. „Ingrid Seddig will mit ihren gegenständlichen Plastiken den Blick schärfen für das, was hinter der Fassade liegt“, schrieb unsere Mitarbeiterin Eva Herschmann.

Vor dem Vergessen bewahren

Zum Hintergrund für die Präsentation der Werke von Ingrid Seddig gerade jetzt in der Galerie der Stadt Fellbach erklärt Sautter: „Stadtjubiläen geben Anlass zum Rückblick. Vergangenheit wird erforscht, Schriftquellen werden gesucht, je älter, desto besser. Mit Bedauern wird zur Kenntnis genommen, dass die Altvorderen ihr Leben nicht in der Form dokumentiert hatten, wie man sich das gewünscht hätte, auch dass die Nachfahren womöglich nicht mit der entsprechenden Sorgfalt Erinnerung bewahrt haben. Doch man muss gar nicht so tief in der Vergangenheit schürfen, um des Phänomens des Vergessens gewärtig zu werden. Als aktuelles Beispiel mag Ingrid Seddig gelten.“

In Pommern geboren

Ingrid Seddig wurde 1926 in Vietkow, Kreis Stolp in Pommern, geboren, 2008 ist sie in Leutenbach-Nellmersbach gestorben. Nach dem Krieg teilte ihre Familie das Schicksal vieler Vertriebenen und kam nach Hessen. Seddig begann ein Bildhauer-Studium in Marburg. Später lebte sie mit ihrem Mann, dem Bildhauer Alfred Tme, in Korb. 1986 errichteten sie in Nellmersbach ein Wohn- und Atelierhaus samt Werkstatt und Gießerei.

Kunst als Botschaft

1966 wurde Tochter Ina Seddig geboren, sie lebt in Mainz als Architektin und ist Leihgeberin für die Fellbacher Ausstellung. Gezeigt werden in der Galerie Arbeiten aus dem Nachlass. Ein Bildband unter dem Titel „Ingrid Seddig – Kunst als Botschaft“ kommt im Mai in den Buchhandel.

Keine Vernissage

Ort: Die Ausstellung in der Galerie der Stadt Fellbach, Marktplatz 4, ist bei freiem Eintritt von Dienstag, 16. März, an zu sehen. Eine Vernissage ist aus Gründen der Coronaprävention nicht vorgesehen. Öffnungszeiten bis 23. Mai: Dienstag bis Sonntag 14 bis 18 Uhr.




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