Ausstellung in Frankfurt: Rembrandts Amsterdam Gesichter einer Epoche

Tue Gutes und zeige es: Die „Regentinnen des Bürgerwaisenhauses“ ließen sich von Jacob Adriaensz Backer malen. Foto: Amsterdams Historisch Museum/Monique Vermeulen

„Rembrandts Amsterdam. Goldene Zeiten?“ in Frankfurt zeigt in opulenten Gemälden den Glanz einer aufstrebenden Gesellschaft. Dass die Zeiten nicht für alle golden waren, erfährt man nur in Anspielungen.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Wäre hier ein Fotograf am Werk gewesen, hätte er vermutlich „Cheese“ gerufen, damit alle freundlich in seine Kamera schauen – die Herren mit ihren feschen Halskrausen, die Paare und Kinder, die sich offenbar in Schale geworfen haben. Natürlich haben sie alle, die hier am Hafen von Amsterdam zusammengekommen sind, nicht geahnt, dass man sie noch 400 Jahre später ins Visier nehmen würde. Aber es ist unübersehbar, dass sie einen guten Eindruck hinterlassen wollten.

 

Bloß: Hat die City von Amsterdam damals wirklich so ausgesehen – und darf man also dem Bild trauen, das ein gewisser Adriaen van Nieulandt 1633 malte? Es verrät viel darüber, wie der Mensch tickt – und das auch schon zu Zeiten von Rembrandt tat. Denn davon erzählt die Ausstellung „Rembrandts Amsterdam. Goldene Zeiten?“, mit der das Städel Museum in Frankfurt die sogenannten „Goldenen Zeiten“ wiederauferstehen lässt. Denn die herrschten damals in Amsterdam, zumindest für die Reichen und Mächtigen.

Gute Jahre auch für die Künstler

Auch für die Künstler waren es gute Jahre, denn wo Wohlstand herrscht, will man das in der Regel auch zeigen, und Kunst ist eines der edelsten Prestigeobjekte. Ein Gemälde in der Ausstellung verrät, dass Kunsthändler damals sogar direkt bei der Börse Bilder anboten, damit man sein gewonnenes Geld gleich wieder loswerden konnte. Noch lieber signalisierten die Bürger, die es zu etwas gebracht hatten, ihren Einfluss auf die Gesellschaft aber mit Bildern von sich selbst und anderen Besserverdienern – auf Gruppenporträts.

Das Städel besitzt selbst eine stattliche Sammlung dieser Werke von Rembrandt und Co., aber für die Frankfurter Ausstellung wurden auch Klassiker aus dem Amsterdamer Rijksmuseum, aus New York und Antwerpen ausgeliehen – teils mehrere Meter breite Monumentalschinken, auf denen Männer mit eitlem Outfit, mit mächtigen schwarzen Hüten und blitzblanken weißen Kragen beisammen stehen.

Die Anatomie wird damals ein beliebtes Thema der Kunst. Foto: Amsterdam Museum/Monique Vermeulen

Das sind keine Motive, bei denen das breite Kunstpublikum heute noch ins Schwelgen gerät, aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Denn man sieht, wie die Kunst sich in diesen Jahren weiterentwickelte.

Als ein unbekannter Maler 1557 die „Hackenbüchsenschützen“ malte, gab er zwar schon die Gesichter der Männer in ihrer Individualität wider, reihte die Figuren dabei aber doch ziemlich ungelenk nebeneinander auf. Als Govert Flinck hundert Jahre später eine Gruppe von Schützen porträtierte, sah das schon deutlich lebendiger aus.

In der Kunst spiegeln sich Machtstrukturen und Hierarchien

Interessant sind diese Bilder auch, weil sie viel über die Gesellschaft verraten. Der Wohlstand, der auch in den Kolonien erwirtschaftet wurde, schlug sich in Amsterdam in allerhand Neubauten nieder, sodass die Stadt zu einer der wichtigsten europäischen Metropolen wurde. Johannes Lingelbach malte 1656 zum Beispiel den Bau des neuen Rathauses.

Reichtum und Glaube beflügelten aber auch das soziale Engagement. Hätten die Mäzene und Vorsteher der neuen Waisenhäuser, Obdachlosenunterkünfte, Alters- und Pflegeheime damals schon Kameras besessen, sie hätten sich trotzdem lieber malen lassen, weil die Künstler die Wirklichkeit so darzustellen hatten, wie es den Auftraggebern beliebte. So rückten sie die Edlen und Spender selbst ins Zentrum, während die schmuddeligen Armen und Waisen zur Anonymität verdammt wurden. Als gleichwertige Menschen betrachtete man die Bedürftigen offenbar nicht.

So wie Adriaen van Nieulandt keineswegs auf dem Amsterdamer „Dam“ stand und die Passanten malte, sind auch die meisten anderen Motive in der Ausstellung im Atelier konstruiert worden – und spiegeln also nicht die reale Welt, sondern vielmehr die soziale Wirklichkeit mit ihren Hierarchien und Machtstrukturen.

Die Künstler bedienten aber auch die Schaulust der Menschen, wenn sie etwa anatomische Untersuchungen malten – wie es Rembrandt tat. Auf seinem berühmten Bild der Anatomie-Vorlesung des Dr. Jan Deijman von 1656 wird gerade eine Leiche untersucht. Rembrandt wollte sich aber nicht auf die Eitelkeiten und das Repräsentationsbedürfnis seiner Auftraggeber beschränken. Auf Zeichnungen, die im Städel zu sehen sind, widmete er sich den Außenseitern der „Goldenen Zeiten“, den Kranken, Straßenverkäufern oder Bittstellern – und stellte sich sogar selbst als Bettler dar.

Er zeichnete auch den Leichnam einer Frau, die 1664 wegen Totschlag hingerichtet wurde und deren Körper man außerhalb der Stadt ohne Begräbnis zur Verwesung aussetzte.

Ein Bild, das den Ehebrecher enttarnt

Scheidungsakte
Für Frauenakte standen den Künstlern Prostituierte Modell. Auf Dirck Blekers Gemälde der „Büßenden Magdalena“ ist Maria Jonas zu erkennen. Es war ein Auftragswerk für einen reichen Kaufmann, der bei der Prostituierten Kunde war – wie man aus der Prozessakte seiner Scheidung weiß. Seine Frau hatte ihn wegen Ehebruchs angezeigt.

Ausstellung
„Rembrandts Amsterdam. Goldene Zeiten?“. Städel Museum, Frankfurt. Bis 23. März, geöffnet Di bis So 10 bis 18 Uhr, Do 10 bis 21 Uhr.

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