Ausstellung in Grafenau Ben Willikens und die Provokation des leeren Raums

„Raumverloren“ heißt die Ausstellung mit Arbeiten von Ben Willikens, die ab dem Wochenende im Schloss Dätzingen zu sehen ist Foto: Galerie Schlichtenmaier/Schlichtenmaier
„Raumverloren“ heißt die Ausstellung mit Arbeiten von Ben Willikens, die ab dem Wochenende im Schloss Dätzingen zu sehen ist Foto: Galerie Schlichtenmaier/Schlichtenmaier

Die Galerie Schlichtenmaier zeigt im Schloss Dätzingen Kunst von Ben Willikens. Die Arbeiten des Stuttgarter Malers sind im Jahr 2019 entstanden und haben in Lockdown-Zeiten geradezu prophetischen Charakter.

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Dätzingen - Als Ben Willikens 2019 anlässlich seines 80. Geburtstages die Bürgermedaille der Stadt Stuttgart verliehen bekam, war die Welt noch in Ordnung. Es gab keine Pandemie, keinen Lockdown, keine leergefegten Innenstädte. Um so bemerkenswerter wirken seine in dieser Zeit entstandenen Arbeiten, die sich auf faszinierende Weise mit leeren Räumen auseinandersetzen.

Die Ehrung mit der Bürgermedaille der Landeshauptstadt wird nur einem sehr illustren Kreis zuteil, kaum mehr als 30 lebende Zeitgenossen halten sie in Händen. Die Liste der nationalen Auszeichnungen des Künstlers Ben Willikens ist schon lang, mit der Stuttgarter Würdigung machte die Stadt auch deutlich, wie stolz sie darauf ist, einen so bedeutenden Künstler in der Stadt zu haben.

Geboren in Leipzig, wo er mit dem Ende des zerstörerischen Weltkriegs seine existenzialistische Prägung erhielt, studierte Willikens zwar in Stuttgart, seine Lebensmittelpunkte waren aber durch seine Professuren in Braunschweig in München woanders. Studien- und Stipendienaufenthalte in London, Florenz und Rom ließen auch nicht erkennen, dass er sich schließlich und dauerhaft in Stuttgart niederließ, wo er bis heute lebt – wenn er sich nicht in seinem stattlichen Refugium im Hohenlohischen aufhält.

Die Galerie Schlichtenmaier erfüllt sich jetzt einen – auch von Ben Willikens - lange gehegten Wunsch und zeigt in ihren Räumen im Schloss Dätzingen etwa 50 Arbeiten des Malers, die weitgehend in den Jahren seit 2019 entstanden sind. Zwei Großformate aus den Jahren 2011 und 2012 sowie einige aktuelle Mittelformate erinnern noch an seinen klassischen Stil und seine strenge Raumordnung, die ihn berühmt gemacht haben. Vom „Abendmahl“ (1976–79) bis hin zum „Leipziger Firmament“ (2013–14) zieht sich ein Thema durch sein gesamtes Schaffen: Der akkurate, menschenleere und an Samuel Becketts Bühne orientierte Raum wurde sein Kennzeichen, das Grau in unzähligen Nuancen bis hin zu feinsinnigsten Farbtönungen seine Bildsprache.

Wesentlich für seine neuen Arbeiten, die ganz neue Töne anschlagen, ist aus Sicht von Kurator Günter Baumann die Öffnung des anonymen Raums zugunsten der erlebbaren Umgebung: Unter dem Titel „Floß“ erschafft Willikens seit rund zehn Jahren Fotoprints aus dem eigenen Atelier, über die er eine betont malerische Pinselführung zieht. „Als würde sich der Raum als Anmaßung der Begrenzung in eine luftigere, freiere Dimension erweitern, blickt Ben Willikens in seinen Leinwandarbeiten nun auch von außen auf den Raum“, beschreibt Baumann. „Es scheint, als würde Willikens auf die Pandemie mit seiner wirkungsmächtigen, im Duktus nun sichtbaren Handschrift reagieren, die betont gegen die selbst auferlegte Ordnung rebelliert“, meint der Kunsthistoriker, der bei der Galerie Schlichtenmaier für die Konzeption der Ausstellungen zuständig ist.

Die Präsentation „Ben Willikens – raumverloren“ soll im Schloss Dätzingen am Samstag, 27., und Sonntag, 28. März, zwischen 11 und 18 Uhr eröffnet werden. Da der Inzidenzwert im Landkreis Böblingen weiterhin über 50 liegt, ist für den Ausstellungsbesuch eine vorherige Terminvereinbarung unter Telefon (07033) 41394 oder unter der Adresse schloss@schlichtenmaier.de per Mail erforderlich. Im Rahmen der Eröffnung soll ein Video entstehen, das unter anderem über die Galerie-Homepage (www.schlichtenmaier.de) zu finden sein wird.

Um möglichst vielen Menschen die Gelegenheit zu geben, die Ausstellung zu besuchen, plant das Kunsthaus zudem ein offenes Wochenende am 17. und 18. April, jeweils von 12 bis 17 Uhr. Ansonsten ist die Schau zu den normalen Öffnungszeiten mit Voranmeldung zu besichtigen. Die Ausstellung endet am 30. April.

Parallel dazu präsentiert die Galerie Schlichtenmaier in ihren Räumen am Kleinen Schlossplatz in Stuttgart eine Schau mit Bildern des Stuttgarter Künstlers Peter Sehringer.




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