Kurz hat sich die Natur die ehemalige Daimler-Teststrecke bei den Wernauer Baggerseen zurückgeholt. Der Fotograf Stefan Voigt hat das festgehalten, bevor die Fläche gerodet wurde.

Messfahrzeuge Kreuzen – der Titel der Ausstellung ist, samt des Rechtschreibfehlers, von einem Schild auf der ehemaligen Daimler-Teststrecke übernommen. Allerdings kreuzen die Messfahrzeuge schon länger nicht mehr.

 

Als der Kirchheimer Fotograf Stefan Voigt einige Male das Gelände besucht hat, war die Natur auf dem Vormarsch, wie seine Bilder dokumentieren: Schotterwege werden vom Grün erobert, zuerst von einzelnen Grasbüscheln, dann von einem immer dichter werdenden Bewuchs. Sie verschwinden unter einer Laubschicht oder in einer großen Pfütze, die die Umgebung widerspiegelt; ein Rechtsabbieger-Pfeil auf blauem Grund weist gradewegs ins Gestrüpp. Voigt ist ohne Konzept übers Gelände spaziert und hat mit der Kamera als Auge seine Entdeckungen festgehalten. „Mir gefällt die Idee des Flaneurs, der ja früher in der Stadt unterwegs war“, sagt er. Planlos umherzuschweifen und Eindrücke aufzunehmen sei allerdings in den heutigen, schnelllebigen Städten zunehmend schwierig, weshalb er selbst seine Streifzüge schon seit Jahren zunehmend aufs Land oder ins Grüne verlegt: Dörfer und Natur statt Street-Fotografie.

Ehemalige Daimler-Teststrecke wird zur Photovoltaikanlage

Auf dem Gelände der ehemaligen Teststrecke ist das Intermezzo für die Wildnis auch schon wieder Geschichte. Es wurde komplett gerodet, weil darauf eine Freiflächen-Photovoltaikanlage geplant und genehmigt ist. Für alle, die hofften, dass die Fläche dem Naturschutzgebiet zugeschlagen wird, war und ist das eine bittere Enttäuschung – das hat Voigt auch aus dem Mund von Ausstellungsbesuchern gehört, die sich die Fotos mit gemischten Gefühlen ansahen.

Die Arbeiten werden an den beiden noch verbleibenden Juli-Wochenenden im „Artspace Wieweg“ gezeigt, der am zentralen Platz des Kirchheimer Stadtteils Schafhof liegt. Früher waren in den großen, hellen Räumen unter anderem ein Supermarkt und ein kleines Lokal ansässig, heute sollen sie Begegnung und Dialog, auch zwischen verschiedenen Kunstschaffenden, ermöglichen.

Ausstellung in Kirchheim hat zwei Teile

Dazu passend hat die Ausstellung einen zweiten Teil, der sich auf andere Weise mit dem Wandel der Zeit beschäftigt: Die Künstlerin Claudia Zeller-Sauter, ebenfalls aus Kirchheim, steuert Bilder bei, die sich noch während der Ausstellung kontinuierlich verändern. Sie hat mit der Jodlösung Betaisodona – bekannt aus der medizinischen Wundversorgung – auf lichtempfindliches Fotopapier gemalt. Diese Spuren und zerfließenden Linien, von denen man manche auf den ersten Blick auch für die Fahrspuren der ehemaligen Teststrecke halten könnte, entwickeln und verfärben sich im Tageslicht langsam weiter. „Während sie hier hängen, sind sie einer laufenden Veränderung unterworfen“, sagt Stefan Voigt. Für die Künstlerin symbolisiere das auch die Heilung von Wunden, die ja mit dem benutzten Werkstoff verbunden ist.

Öffnungszeiten der Ausstellung in Kirchheim

Termine: Stefan Voigt und Claudia Zeller-Sauter freuen sich über Besucherinnen und Besucher, die einfach reinkommen in die Räume am Wieselweg. An den beiden Wochenenden 19./20. Juli und 26./27. Juli ist noch geöffnet, samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.