Ausstellung in Marbach Die Wunderwelt der Zeichen

Was kann man diesen Linien ablesen? Foto: DLA-Marbach, www.dla-marbach.de/Chris Korner

„Punktpunktkommastrich“ – die neue Ausstellung im Marbacher Literaturmuseum der Moderne zeigt, was die Literatur im Innersten zusammenhält.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Wie man ein Mondgesicht zeichnet, dürfte klar sein. Aber wie geht ein Mondgedicht? Nichts einfacher als das: . . , –. So ist auf es einem Manuskript von Robert Gernhardt zu lesen, vermutlich das kürzeste Mondgedicht der deutschen Literaturgeschichte. Zu sehen ist es in der Ausstellung im Marbacher Literaturmuseum der Moderne mit dem passenden Titel „Punktpunktkommastrich“.

 

Hier geht es um das, was die Welt der Literatur im Innersten zusammenhält, um die Elementarbausteine, aus denen sich nicht nur noch wesentlich stimmungsvollere Mondgedichte bilden lassen als das zitierte, sondern prinzipiell alles, was in der Schatzkammer des Deutschen Literaturarchivs gehütet wird. Zeichen sind der Gegenstand der neuesten kuratorischen Grundlagenforschung, die hier freilich auf eine Weise betrieben wird, die selbst in tendenziell eher analphabetisch veranlagten Gemütern noch die Lust auf Buchstaben, Chiffren, Codes und Zeichen aller Art entzünden könnte.

Dresscode der Literatur

Was sich auch als trockenes linguistisches Seminar aufziehen ließe, beginnt hier zum Beispiel als Modenschau. Ein prominenter Dresscode der Literaturgeschichte ist mit dem Namen Werther verknüpft. Eine kopflose Gesellschaft von Schneiderbüsten hat sich T-Shirts übergestreift, auf denen der erste Satz von Goethes Briefroman in unterschiedlichen Schriftarten und Zeichensystemen zu lesen ist: „Wie froh bin ich, dass ich weg bin.“ In Cäsar-Verschlüsselung klingt das so: „Zlh iurk elq lfk, gdvv lfk zhj elq.“ Wie diese Codierungsweise, die dem römischen Kaiser zugeschrieben wird, funktioniert, kann sich nach dieser Vorgabe jeder unschwer erknobeln.

Von Textilien zum Text ist es nur ein Schritt. Eduard Mörike vollzieht ihn einen Raum weiter im Abdruck eines „türkischen Zeugmusters“, wie sich der Dichter überhaupt als ein dankbarer Stofflieferant für die Fabulierfreude und Verknüpfungskunst der Ausstellungsmacherinnen Heike Gfrereis und Vera Hildenbrandt erweist. In griechischen Buchstaben tarnt er deutsche Texte, die Kritik an Formen der Frömmigkeit üben, und er empfängt Briefe seines Freundes Ludwig Amandus Bauer, die mit seltsamen Chiffren gespickt sind und in Zauberformeln auslaufen: Abracadabra Zalka Kerutsch Fiat.

Was geht nur in den Dichtern vor?

Dabei steht am Anfang ein einfacher Akt der Kommunikation. Der Esslinger Informatiker und Pionier der digitalen Poesie, Theo Lutz, skizziert ihn auf einem Blatt: Ein Sender teilt über einen Kanal einem Empfänger etwas mit, so etwa kann man auch fassen, was zwischen Künstler, Werk und Betrachter geschieht. Die Zufallstexte, die Lutz mittels eines Algorithmus generiert hat, sind die spröden Vorboten jener Kreationen Künstlicher Intelligenzen, die mittels der Leistungsfähigkeit des Binärcodes aus 0 und 1 irgendwann vielleicht das schöpferische Ruder übernehmen werden. Hier allerdings sieht sich der Akt der ästhetischen Kommunikation auf eine harte Probe gestellt.

Kannitverstan – aus den Buchstaben dieses Titels einer Kalendergeschichte von Johann Peter Hebel setzt Oskar Pastior 44 neue Wörter zusammen. Was geht nur in diesen Dichtern vor? In einem anagrammatischen Schaltplan beantwortet Pastior diese Frage: „What makes the poet tick“ wird zu „shake the mac tit pek wok“, was in den Vers mündet „his wet hat kept me tacko“. Wem dieses Englisch spanisch vorkommt, der findet im Vertrauten halt: Hölderlins Gedicht „Heidelberg“ – allerdings in Stenografie.

Auch das leisten Zeichen: das große Ganze zu verdichten und zu repräsentieren. Erich Kästner verzwergt die Daten deutscher Geschichte in Gabelsberger Kurzschrift. Und der Religionsphilosoph Oskar Goldberg versucht mit kabbalistischen Mitteln, die fünf Bücher Mose aus dem Gottesnamen JHWH abzuleiten. Und wenn man schon dabei ist, die göttliche Masterformel zu entschlüsseln, warum soll das nicht auch am Roulettetisch funktionieren? Akribisch ordnet Goldberg die gefallenen Zahlenfolgen nach einem geheimen System, um den Zufall zu berechnen – reich wurde er damit nicht. Ähnlich präzise dürften die Voraussagen gewesen sein, die den Handabdrücken des Schriftstellerpaars Claire und Yvan Goll abgelesen wurden.

Prominente Schweinchen

Was die Kuratorinnen an den Exponaten zeigen, charakterisiert ihre eigene Arbeit. In unerschöpflichem Einfallsreichtum kombinieren sie, was der Thesaurus des Archivs bietet. Wie die Buchstaben des Alphabets ordnen sie die Objekte in immer neue Zusammenhänge. Die Vielfalt dessen, was man mit Zeichen anstellen kann, spiegelt sich im Umgang mit dem archivalischen Material.

Es ist eine im besten Sinn fröhliche Wissenschaft, die hier betrieben wird: klug und versponnen zugleich. Alles kommuniziert mit allem, Zeichen, Texte und die Abteilungen des Museums untereinander. So lassen sich manche Punkte, Kommas und Striche in der neu geordneten Dauerausstellung weiterverfolgen: Mehr als .., - braucht es nicht, um die ursprünglich in Thomas Manns „Zauberberg“ beheimateten Ferkel zu zeichnen, die sich dort im Gästebuch der Verleger Ernst Heimeran und Ernst Penzoldt tummeln. Hier kann man auch auf einem Porträt Alexej Jawlenskys Claire Goll in voller Schönheit bewundern – nicht nur die Hände.

Marbacher Schillersonntag

Schillerrede
Zum Auftakt des diesjährigen Schillersonntags am 7. November hält die Schriftstellerin Anne Weber um 11 Uhr die Schillerrede des Jahres 2021. Wegen der coronabedingt begrenzten Platzzahl ist die Veranstaltung nur für geladene Gäste. Die Rede wird jedoch im Livestream auf Youtube übertragen.

Eröffnung
Zwei Ausstellungen werden eröffnet: „Punktpunktkommastrich“ und die überarbeitete Dauerausstellung „Die Seele 2“. Im Anschluss findet ein Veranstaltungsprogramm statt, unter anderen mit den Autoren Lutz Seiler und Ingo Schulze. Das gesamte Programm findet sich hier.

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