Ausstellung in Plochingen Karge Kunst – und Futter für die Fantasie

So reduziert Paul Zimmermanns Zeichnungen sind, beflügeln sie die Fantasie. Foto: /Petra Bail

Unter dem Titel „Mit Hand und Fuß“ werden in der Städtischen Galerie in Plochingen Zeichnungen von Paul Zimmermann gezeigt – eine ausgezeichnete Schule des Sehens.

Paul Zimmermann ist ein Meister der Linie. Körperteile und Gliedmaßen reduziert er in Ein-Linien-Zeichnungen mit einem fließenden Strich so, dass sie, völlig ohne Schattierung, dreidimensional wirken. Füße, Hände, Beine nehmen Form an, wenn der Plochinger Künstler den dicken Stift übers Blatt führt. Dabei wird die Fantasie aufs Lebendigste beflügelt.

 

Die Initiative Mahlwerk zeigt unter dem Titel „Mit Hand und Fuß“ nun Digitaldrucke, Originale und Cartoons ihres Mitglieds in der Galerie der Stadt Plochingen. Es ist verblüffend, was der Entwicklungsingenieur mit einer Linie anfängt, und vor allem, was diese im Kopf auslöst. Zwei vom oberen Blattrand herabhängende Arme, am unteren Rand zwei Füße – dazwischen: nichts. Dennoch sieht der Betrachter eine Figur in völliger Entspannung.

Alle Körperteile sind unbekleidet. Übergeschlagene Beine, verschränkte Finger, Füße mit Hallux Valgus, Fußsohlen, Zehen, wie das Leben sie prägt: breit getreten, platt gelaufen. Wem sie gehören, will der Künstler bei der Ausstellungseröffnung nicht verraten; nur so viel: „Sie sind anwesend.“ Zu Beginn, erzählt er, habe er häufig seine Frau gezeichnet. Inzwischen haben die wenigsten der Figuren einen Kopf. Was zählt, sind der Schwung, die Dynamik, aber auch die Robustheit der Linie, die die Form umreißt. Die Sinnlichkeit der kargen Kunst nimmt die Betrachterin gefangen. „Die Kunst des entschiedenen Weglassens“, nennt es Dieter Gungl in seiner Einführungsrede.

Jeder hat sein eigenes Kopfkino

Trotz dieser entschiedenen Radikalität der Linie verursachen die Arbeiten des 1957 in Laufenburg geborenen Künstlers ein grandioses Kopfkino. Da ist die Zeichnung mit der steil abfallenden Linie und konvexem Spannungsbogen, die aussieht, wie eine Brust mit Fuß. Natürlich könnte die Rundung auch das gebeugte Knie einer Figur in der Hocke sein – je nach Fantasie. Mit Kennerblick wird der sich nach außen wölbende Schwung einer Linie auf einem anderen Blatt als Busen erkannt – von den einen; die anderen sehen: nichts.

Die Ausstellung ist eine ausgezeichnete Schule des Sehens. Ein männlicher Akt mit gespreizten Beinen ist leicht zu identifizieren, ebenso eine weibliche Figur, ausnahmsweise mit Kopf. Zimmermanns Leiber, von vorn oder von hinten gezeichnet, sind allerdings unkenntlich. Man sieht Po- und Speckfalten, einen kleinen knallroten Slip zwischen froschschenkelartig gespreizten Beinen und gelbe Finger, die wie ein Fremdkörper auf dem Bein liegen, und man fragt sich, was den Künstler bewegt zu zeichnen. Die cartoonartigen Zeichnungen nehmen den Betrachtenden mit auf eine vergnügliche Seh-Reise.

Nachdenklich stimmt ein blaues Bild mit auffällig gelber Figur, die lange Gliedmaßen und überlange Finger hat. Da wird der Cartoonist politisch: eine geschundene Kreatur in gebeugter Haltung, leidend, ohne Identität und Kopf in den Landesfarben der Ukraine.

Ausstellung „Mit Hand und Fuß“ ist bis Sonntag, 26. März, in der Galerie der Stadt Plochingen (Marktstraße 36) zu sehen. Geöffnet ist Montag bis Donnerstag sowie Samstag von 10 bis 13 Uhr sowie Dienstag und Donnerstag von 14 bis 17 Uhr und Freitag von 9 bis 16 Uhr.

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